29. Dezember 2008

400 Marketingprüfungen korrigieren, Noten manipulieren – dann Ferien zelebrieren!!














Bekanntlich haben Lehrer viele Ferientage – das scheint glücklicherweise ein internationales Privileg dieser Berufsgruppe zu sein. Doch bevor wir den Campus hier Ende Semester verlassen dürfen, müssen wir noch eine Kleinigkeit erledigen: Ein Heer von 600 nahezu anonymen Studenten soll fair und transparent auf einer Skala von 0 bis 100 Prozent beurteilt werden, wobei 60 Prozent die Grenze zur genügenden Note darstellt.

Fürs „Oral English“ führt Thomas hierzu mit sämtlichen 200 Studenten ein je fünfminütiges Gespräch durch… das macht also 1000 Minuten Small Talk basierend auf einem Basisvokabular von höchstens ebensovielen Worten. Dies reduziert mögliche Gesprächsthemen relativ stark: „What did you do last weekend?“ – „Computer and I like sleeping also.“ Oder: „Tell me more about your family, please.“ – „I live with my father in a house. She is a farmer - längeres Schweigen – Sorry Sir, my English is so poor!“ Unserer Meinung nach ein recht bescheidenes Level nach sechs Jahren Englischunterricht, doch nach Vorgabe der Schule dürfen maximal 10% der Schüler eine ungenügende Note erhalten und 30% müssen einen sehr guten Wert über 85% erreichen. Somit lässt Thomas Gnade vor Recht walten und kneifft bei der Beurteilung beide Augen (und Ohren) zu.

Da bietet die Marketingprüfung, basierend auf einem 400-seitigen Lehrbuch doch einiges mehr an zu prüfendem Inhalt. Dieselben Studenten, welche mit ihren „Oral English“-Lehrern Small Talk geübt haben und nun wissen sollten wie man einfache alltägliche Situationen meistern kann, müssen nun in derselben Woche beweisen, dass sie auch anspruchsvolle Marketingstrategien auf Englisch verstehen und diese in der Wirtschaftssprache wiedergeben können. Hochgesteckte Ziele für ein drittklassiges College in Sichuan! Kurz nachdem die von einer externen Unternehmung erstellte Prüfung von den Schülern gelöst wurde, wird Andrea auch gleich ihr Anteil von 400 Prüfungen übergeben. Dank der kostenlosen Unterstützung durch drei Studentinnen („We see it as our duty to help you. We don’t take money from friends!“) und einem Sondereffort von unserer Seite, sind die Prüfungen 18 Stunden später vollständig korrigiert – das Resultat ist ernüchternd! Beispiele gefällig?

Frage: „Compare the traditional 4Ps with the current 4Cs of Marketing.“
Korrekte Antwort: „4Ps (Product, Price, Place, Promotion); 4Cs (Costumer Solution, Cost, Convenience, Communication). Nowadays, the focus is rather on the customer side…“
Verzweifelte Schülerantwort: „The PS is an old game. One or two people can play it. The CS is for more people, many students like playing it. Today more people play the CS than the PS, because the PS is more expensive.“

Eine naheliegende Idee, wenn man jede Nacht stundenlang Counterstrike (CS) spielt und schon immer gerne eine eigene Playstation (PS) gehabt hätte.

Einige Schüler sind zu wenig gerissen, um ihr Unwissen derart geschickt zu kaschieren. Antwort einer Schülerin auf dieselbe Frage: „Dear teacher, I am so sorry. I have troubles to say the answer to this question. I feel it too difficulty. But I promise, I’ve really gone over the book. Please believe me. May God bless you!!!“

Eine solch herzerweichende Entschuldigung, wurde denn auch grosszügig mit Bonuspunkten belohnt, denn eine zunächst errechnete Durchfallquote von 95% wäre von der Schulleitung keinesfalls genehmigt worden. Nach Verdoppelung der Punktzahl und zusätzlichem Feintuning der Noten, können wir nun stolz verkünden, dass 95% von Andreas Studenten die Marketingprüfung mit Bravour bestanden haben!

Wir hoffen, dass auch ihr das Jahr 2008 derart erfolgreich abschliessen könnt und wünschen Euch einen guten Rutsch ins Jahr des Goldenen Ochsen.

Vielen Dank an die treue Leserschaft. Wir melden uns im 2009 mit neuen Berichten von unserer Reise nach Shanghai, Guilin, Hong Kong, Macao und Hainan zurück…

Andrea & Thomas

„Die beste Armee der Welt“














Hab in der Ferne vernommen, dass in der guten alten Heimat der frisch gewählte General mit dem Strohhalm im Mundwinkel mit der Ambition antrete, die Schweizer Ferienlegion zur schlagkräftigsten Truppe des Planeten umzugestalten. Als Angehöriger derselbigen muss ich sagen: „Potzblitz und Hut ab vor derart hochgesteckten Zielen.“ Aber bei diesem Vorhaben könnte dem Herrn wohl noch das eine oder andere graue Haar auf der Glatze spriessen. Klar, in Sachen Tarnung macht uns keiner was vor: Nur das äusserst geübte Feindesauge ist in der Lage, einen jassenden AdA in Badehose von einem Zivilisten zu unterscheiden. Doch in Sachen Entschlossenheit, Durchhaltevermögen und Willen zur Selbstaufopferung muss da noch ein „bitzeli öppis“ ändern, bevor wir uns mit dem militärischen Superlativ schmücken können.

Beispielsweise das Überflügeln der Chineslein auf dem Weg an die Spitze dürfte wohl nicht allzu leicht werden. Das ist natürlich rein quanitativ ein unstatthafter Vergleich, aber auch im waffenlosen Kampf Mann gegen Mann sehe ich da gewisse Nachteile auf Schweizer Seite.



Da möchte ich also nicht losgeschickt werden, wenn die auf der Gegenseite den Holzhacker ins Spiel bringen! Solche Dokumentationen laufen hier übrigens 24 Stunden am Tag auf dem eigens für die Armee bereitgestellten Staatskanal. Da kann man zum Beispiel mitverfolgen, wie chinesische Fregatten somalische Piraten jagen oder dem Panzerkommandanten über Zuschauertelefon Fragen zu den neuesten Entwicklungen im Bereich Kanonenrohre stellen. Das wär vielleicht auch ein Input für’s VBS: Ein SF3 für die tollsten Armeeclips würde die Wahrnehmung dieser Institution in der Bevölkerung mit Sicherheit nachhaltig verbessern. Derzeit beweisen einzig ein paar Streifen auf Youtube, dass wir zumindest in einem Fussballänderspiel gegen das chinesische Volksheer dank dem alljährlichen dreiwöchigen Trainingslager eine reelle Chance hätten.



In diesem Sinne: "Mäld mi ab!"

4. Dezember 2008

Wurstsaison - Besuch auf dem Markt

Marktplätze in China sind wunderbare Gebiete für Entdeckungsreisen und Fotosafaris. Nicht immer ist alles allzu appetitlich anzuschauen, doch je absurder und ekliger desto spannender. Die Gemüseabteilung ist noch harmlos, doch auch hier stossen wir immer wieder auf Unbekanntes: Rote Karotten, faustgrosse Radiesli und Dutzende von nie gesehenen Pilzarten.
Gleich daneben das Paradies für alle Karnivoren, die auch einmal über den Rand von Filet und Steak hinaussäbeln möchten. Beim Schlachten gibt es hier prinzipiell keine Abfälle; Chinesen essen alles! Vom knackigen Ringelschwänzchen, über Knusperöhrchen und saftige Schweineschnauze sowie paarweise zu erstehenden Schweinefüssen, bis hin zu sämtlichen Organen, welche so ein Tier hergibt, ist alles in der Auslage zu finden. Und auch der ältere Herr im blauen Arbeitsgewand, welcher gerade sorgfältig einen ganzen Saukopf auf den Gepäckträger seines Velos schnallt, scheint mit seinem Kauf sehr zufrieden.
Da wir uns bezüglich der Zubereitung von Leber, Niere und Konsorten nicht ganz schlüssig sind, entscheiden wir uns letztendlich für eine schlichte Wurst "à la Sichuanois" - da weiss man was man hat. Schliesslich lässt sich der vollständige Produktionsprozess auf kleinstem Raum mitverfolgen:

"Verspürt Herr Li Lust auf eine anständige Bauernbratwurst, so begibt er sich zunächst zum Stand von Bauer Wang und Frau, wo er 3 Meter gesalzenen Darm kauft. Bevor das Geschäft jedoch zum Abschluss kommt, wird das Produkt einer knallharten Qualitätskontrolle unterzogen. Diese Nische nutzt Frau Zhang mit ihrer Handpumpe an der Ecke gegenüber: Der Darm wird also wie ein Luftballon aufgeblasen und auf allfällige Löcher geprüft. Mit dem soeben erstandenen Darm begibt sich Herr Li dann zu Metzgermeister Liu, welcher ihm 5 Kilo von seiner Lieblingswurstmischung verkauft. Mit Därmen und Füllung wechselt er sogleich zur mobilen Metzgerei der Familie Chen. Diese besitzt ein handbetriebenes "Wurschtmaschineli", so eine Art Fleischwolf, und füllt Herrn Li nun seine massgeschneiderte Wurst ab. Wieder zu Hause hängt Herr Li seine Jagdtrophäe in den Vorratsschrank, welcher sich vor seinem Fenster befindet und freut sich auf ein deftiges Znacht."

Allfällige Übereinstimmungen obig genannter Charaktere mit realen Personen sind nicht beabsichtigt aber dennoch einigermassen wahrscheinlich. Denn die Namen Li, Wang, Zhang, Liu sowie Chen sind die fünf häufigsten chinsischen Familiennamen. Zwischen 7.5% (Li) und 6% (Chen) der Bevölkerung verteilen sich auf diese fünf Namen; was in absoluten Zahlen heisst, dass jeweils gegen 100 Millionen Menschen denselben Namen tragen. Die 130 häufigsten Familiennamen Chinas machen gar einen Anteil von 87% an der Gesamtbevölkerung aus. Da erstaunt kaum, dass China vor zirka 5'000 Jahren als eines der ersten Länder Vornamen einführte.




3. Dezember 2008

Aliens in Suinin

Die Primarschule in Suinin plant einen „International Day“, was bedeutet, dass heute mal nicht das Land der Mitte im Zentrum stehen soll, nein, andere Nationen und sogar echte Ausländer wollen sie den Kindern als Höhepunkt der Veranstaltung vorstellen. Da in der Provinzstadt aber nur Chinesen arbeiten, muss da sofort etwas unternommen werden und „Daniel“, der Schulleiter, lässt gleich seine wertvollen Kontakte („guanxi“ ein wichtiger Kit in der asiatischen Gesellschaft) spielen. Ein paar Telefonate und „ganbei“ (trockne das Glas!) später hat er schon ein Versprechen von Ralph unserem Lehrerkollegen in der Tasche und kann mit fünf Prachtsexemplaren von Ausländern auftrumpfen. Für den Grossanlass werden wir um 7 Uhr morgens persönlich vom Schulleiter in unserer Schule abgeholt. Die dreistündige Fahrt nach Suinin ist aber eher eine Tortur denn ein Sonntagsausflug, denn Thomas kann im japanischen Wagen nicht mal aufrecht sitzen und muss den Kopf immer leicht schief halten und Andrea findet die Fahrt hinten in der Mitte auf dem „Schleudersitz“ eher zu prickelnd, nachdem drei Totalschäden die Strasse nach Suinin säumen.
Gegen halb elf stehen wir auf der Bühne des Sportplatzes der Schule und gucken auf ein Meer von 700 Kindern im Alter von 5-11 Jahren herab. Obwohl sie aufgereiht sind wie Soldaten vor einer grossen Schlacht, vermitteln sie in ihren farbigen Klamotten doch einen sehr ungeordneten und lebendigen Eindruck. Wir werden vom Schulleiter auf Englisch begrüsst und damit auch die Knöpfe etwas verstehen, wird alles gleich in eine schulinterne „Gebärdensprache“ übersetzt (unserer Meinung nach eine didaktische Meisterleistung), so dass die Kinder die wichtigsten Punkte mitbekommen. Und auf Befehl geht’s los: Wir werden mit einem sehr asynchronen, lauten Sprechgesang mit dazugehörigem Tanz begrüsst und die 700 Kinder wirbeln nur noch so herum, dass es einem wirklich warm ums Herz wird.



Danach stellen wir fünf Ausländer uns übers Mikrophon vor, ein bisschen unbeholfen, weil uns nicht klar ist, wieviel die Kids nun eigentlich verstehen (und in Gedanken an unsere eigenen Studenten halten wir unsere Rede wohl eher zu einfach). Danach dürfen wir Plakate mit englischen Worten hochheben, so dass die Schüler uns beweisen können, dass sie in der Schule wirklich buchstabieren und lesen lernen. Auch wenn wir von dem Geschrei nichts verstehen, die Lautstärke und die Inbrunst mit der uns geantwortet wird ist uns Beweis genug.

Aber die Schule hat noch mehr Unterhaltung auf Lager. Nach dem Einwärmen der Kinderstimmen, geht es nun wirklich an die Arbeit. Die Schule hat diverse Posten vorbereitet, wo Themen wie Tiere, Länder und Wochentage abgehandelt werden sollen. An den Posten soll es dann jeweils Spielvorschläge geben und wir dürfen uns einfach an einen beliebigen Posten begeben und mit den Kindern „spielen“, was hier gleichbedeutend ist mit „lernen“. Wir sind positiv überrascht, tönt doch alles sehr strukturiert, didaktisch durchdacht und wohl vorbereitet. Dann aber die erschreckende Wahrheit: die Anzahl der Posten beträgt – und es sind immer noch 700 Kinder - fünf!!! Hätten wir das gewusst, wären wir wahrscheinlich vor unserem grossen Auftritt doch ein bisschen nervös gewesen. Noch vor dem offiziellen Startschuss stürzen sich also auf jeden Lehrer etwa 140 Kinder, darunter etliche, welche noch nie zuvor einen „laowai“ (alter/weiser Fremder) zu Gesicht bekommen haben, was die Aufregung natürlich noch verstärkt. Thomas Körperbehaarung an Armen und im Gesicht gibt dann doch Anlass, ihn an besagten Stellen handgreiflich zu untersuchen, aber auch lange Fingernägel und blasse Haut sind eine Attraktion. Man rückt uns also im wörtlichen Sinne auf den Leib.

Zeitweise sind wir ehrlich um das Wohlergehen der Schüler besorgt, denn wenn 140 kleine Menschen einem umringen und man wagt einen Schritt in die eine Richtung, dann fallen dort zwangsläufig gleich ein, zwei Duzend zusammen um. Glücklicherweise gibts keine Unfälle, aber es ist wohl überflüssig zu erwähnen, dass diese Umstände nicht gerade ein ideales Umfeld zum „Spielen“ garantieren. Gut, immerhin sind wir gross und können die Lage überschauen und mit Hilfe der Englischlehrerinnen läuft alles noch glimpflich ab. Bis zu dem Zeitpunkt wo ein Kind ein Autogramm von uns will. Kaum wird das Papier von allen Lehrern unterschrieben, weckt das in den 699 kleinen Kollegen des Trendsetters den Wunsch, auch über dieselben Unterschriften zu verfügen. Plötzlich werden wir von Papier und Stiften umringt und das Gedränge ist so gross, dass wir anordnen müssen, dass man unsere Unterschrift nur erlangen kann, wenn man brav Schlange steht (früh genug trainiert können das ja eventuell auch Chinesen lernen?).
Wir geniessen die Stunde im Gewühl und sind erstaunt darüber, dass einige Kinder bereits besser Englisch sprechen als unsere 18-jährigen Freshmen. Trotzdem sind wir nach unserem Auftritt froh, dass unser Job für heute erledigt ist und wir die Schule wieder verlassen dürfen. Zum Dank erhalten wir von der Schulleitung eine Gage für den Auftritt, werden ins beste Restaurant der Stadt ausgeführt und dann noch mit einem Ausflug zum nahegelegenen Tempel belohnt. Ein gelungener Tag und eine schöne Erinnerung, wenn man von der Rückfahrt nach Mianyang absieht…

18. November 2008

Volksvergnügen

Weil Bilder ja bekanntlich mehr als tausend Worte sagen, versuchen wir jeweils unsere Berichte fotographisch bestmöglich zu untermalen. Heute allerdings wollen wir euch einen Einblick ins chinesische Freizeitverhalten ermöglichen und da sind Standbilder nur unzureichend aussagekräftig. Darum gibt's im Folgenden ein paar Kurzfilmchen welche euch ein garantiert authentisch chinesisches Erlebnis in die gute Stube liefern.

Chinesen lieben es in erster Linie laut und gesellig und auch der körperlichen Ertüchtigung sind sie nicht abgeneigt, solange diese nicht allzu kräftezehrend ist. Was eignet sich da besser als gemeinsames Tanzen und Musizieren. Gemäss (chinesischen?!) Untersuchungen besitzen im weltweiten Vergleich überdurchschnittlich viele hiesige Landsleute das absolute Musikgehör. Wohnt man allerdings den öffentlichen musikalischen Darbietungen in den Parks bei, so muss man davon ausgehen, dass all diese genetisch gesegneten Geschöpfe ihr Können ausschliesslich hinter den verschlossenen Türen von Konzertsälen zum Besten geben. Vielleicht sind aber auch unsere auf Harmonie getrimmten westlichen Ohren den fremden Klängen einfach noch nicht gewachsen?!

Weiter trägt zum Unterhaltungswert solcher Veranstaltungen ein äusserst gesundes Mass an Exhibitionismus bei. Trotz Ungelenkigkeit und teilweise nahezu vollständigem Mangel an Taktgefühl, es wird zuversichtlich getanzt und geturnt. Und wo jeder Schweizer sich fleissig im stillen Kämmerchen auf seinem Instrument bis zur Konzertreife abrackert, da packt der Chinese seine Flöte oder Geige noch vor der ersten Lektion und macht sich flugs auf zum Park, um dort mit Gleichgesinnten die Menge musikalisch in Ekstase zu versetzen.

Aber macht euch am besten einfach selbst ein Bild...

Paartanz mit Störung


Bleib jung und fit; mach mit!


Tanzender Schwan, ganz ohne Scham


Kollektives Taktgefühl


Ohren zu und durch!


Musikantenstadl

17. November 2008

Pflichten eines Foreign Experts

Als Shirley, unsere immer total gestresste, aber selten arbeitende Chefin mich fragt, ob ich Zeit hätte an einem Anlass teilzunehmen, sage ich sofort zu. Es gehört nämlich zu den inoffiziellen Pflichten eines „foreign teachers“ an bestimmten Zusammenkünften einfach dabei zu sein, um dem Anlass ein internationales Flair zu verleihen und unserem weltoffenem College zu Prestige zu verhelfen. Meinen letzten Auftritt hatte ich am Mitteherbstfestival, wo ich mit hohen Beamten, inklusive dem Bürgermeister von MianYang, zum Tee geladen war. Leider erhalte ich dieses Mal von Shirley keine Informationen über den Anlass, da sie selbst völlig uninformiert sei. Einige meiner Studenten mutmassten, dass es um eine Benefizveranstaltung für Erdbebenopfer gehen könnte. Doch weit gefehlt! Ich und Becky, meine amerikanische Mitrepräsentantin der weissen Menschengattung, werden also zur versprochenen Zeit am College abgeholt und in die Stadt gefahren, wo wir im Polizeihauptgebäude empfangen werden. Nachdem wir ein paar Minuten ratlos mit einem Beamten auf dem Sofa Small-Talk gemacht haben, erblicken wir ein Banner mit der Aufschrift „opening day of entry-exit administration bureau of mian yang public security bureau“. Was für eine Ehre, heute sind wir also zum Tag der offenen Tür der Einwanderungsbehörde geladen! Ich habe den Eindruck, dass alle 50 Teilnehmer genauso unwissend an den verheissungsvollen Ort geschleppt worden sind wie wir. Jeder „Interessent“ bekommt nun eine Mütze und wie man das von chinesischen Reisegruppen schon kennt, ist es wichtig, diese auch gleich aufzusetzen, damit die einzelnen Individuen zu einer Gemeinschaft verschmelzen. Auch Becky und ich können uns diesem Brauch nicht widersetzen und gehen gleich in einem Meer aus weissen Kappen unter.



Zur Feier des Tages dürfen jetzt also Fragen gestellt werden und eine Beamtin in echter Polizeiuniform (Shirley ist von den zahlreichen Medaillen recht beeindruckt) zeigt uns die Örtlichkeit, welche aus fünf Schaltern besteht und grundsätzlich einfach aussieht wie Schalterhallen von Behörden halt so aussehen. Um nicht desinteressiert zu wirken, frage ich den einen Polizisten nach der Anzahl westlicher Einwanderer, obwohl ich das eigentlich schon am Anlass zuvor gefragt habe (die Antwort ist dieselbe: 50). Die Polizisten zeigen uns unter Beobachtung diverser Medien, wie man das Visa-Formular korrekt ausfüllen muss und wie man es am Schalter abgeben kann (höchst interessant, vor allem drei Monate nachdem man das selbst schon gemacht hat!). Nach der „Führung“ stürzt sich das Mian Yanger Fernsehen mit Kamera und Mikrofon auf Becky und mich und wir müssen den enthusiastischen Reporter darüber Auskunft geben, ob das Verfahren in unseren Heimatländern ähnlich sei. Wir geben ausweichende, nichtssagende Antworten, weil wir mit der Materie nicht sehr vertraut sind (wir brauchen ja schliesslich kein Visum für unsere Heimatländer) und lächeln fröhlich in die Linse.

5. November 2008

Willkommen in unseren vier Wänden

Nachdem wir nun diverse Fotos von Ausflügen und anderen Städten gepostet und mit einigen subtilen Kommentaren über die chinesischen Lebens- oder Hygienestandards sicherlich auch schon Nackenhaare aufgestellt haben, fragen sich nun wahrscheinlich einige Leser wie wir denn hier in MianYang wohnen mögen und was die Stadt zu bieten hat. Hier unsere Antwort in Bildern - und garantiert gruselfrei!














Bereits in unserem ersten Blog haben wir berichtet, wie wir unsere Wohnung nach tagelangem Schruppen schön eingerichtet haben und an dieser Stelle wird nun verraten, was wir unter "neoklassizistisch-chinesischem Stil" verstehen. Diese Einrichtungsform beinhaltet unter anderem eine grosse Menge an kitschigen, aber für unser Wohl unentbehrlichen Gegenständen, wie zum Beispiel unseren persönlichen Glückshausdrachen und den für Reichtum verantwortlichen Buddha. Diese Figuren wurden natürlich liebevoll auf unserem massgeschneiderten Tischtuch arrangiert, welches uns dank den aufgestickten Zeichen ein "langes Leben" bescheren wird.


















Für die nötige Ruhe und Harmonie sind aber auch Einrichtungsgegenstände wie Kalligraphien und andere chinesische Zeichenkünste an der Wand erforderlich und um das Feng Shui (风水 „Wind und Wasser") dann schlussendlich in eine Balance zu bringen, haben wir in der Mitte unseres Wohnzimmers die traditionellen rot-goldenen Lampions montiert.


















So schön unsere Wohnung inzwischen auch erscheinen mag, so hat sie doch noch einige Mängel. Die allzu heissen Sommertage hier (Durchschnittstemperatur im Juli 25% / Zürich 18%) haben wohl die Bauherren darüber hinweg sehen lassen, dass es im Winter auch empfindlich kalt werden kann. So sind die Häuser überhaupt nicht isoliert und durch die Fenster- und Türritzen zieht ein kühler Wind - vorausgesetzt das Haus hat überhaupt Fenster und Türen. Dass wir zu den Glücklichen gehören, welche über eine richtige Haustüre verfügen, verdanken wir nur der Tatsache, dass unsere Wohnung im ersten Stock liegt und deshalb vor Einsteigern geschützt werden muss. Das Problem fehlender Isolation können wir aber mit einer einzigen Einkaufstour aus der Welt schaffen: wir erstehen einen Heizkörper und je ein Paar Hausschuhe! Für die zusätzliche Wärme nehmen wir gern ein schlechtes Gewissen wegen dem erhöhten Energieverbrauch in Kauf.














Unsere Wohnung ist innerhalb des Campus, der gut 9'000 Studenten umfasst, gut gelegen, so dass wir einen minimalen Arbeitsweg von einer Minute haben, liegen die Lehrerwohnungen doch direkt neben dem Teaching Building 3 wo wir beide unterrichten. Einziger Nachteil ist, dass man in unserem Schlafzimmer die Schulglocke sogar besser hört als im Schulzimmer selber, was an unseren schulfreien Tagen nicht nötig wäre uns aber meist auch nicht weckt. Von unserem Schlafzimmer- und Küchenfenster sehen wir direkt auf einen der drei künstlichen Seen des Campus (unsere Wohnung liegt an der kurzen Seeseite) und sehen jeweils die Studenten in richtigen Völkerwanderungen in die Klassenzimmer strömen. Wer gerne noch mehr Bilder vom Campus sehen möchte, kann die Homepage des College auschecken http://www.tf-swufe.net/tf/sign.htm und blindlings ein bisschen durch die unverständlichen Menüs navigieren - irgendwo da drauf sollten auch unsere Vorlesungsunterlagen zu finden sein.














Auch Verpflegung ist gleich um die Ecke. Wenn man das Schulgelände durchs Hintertor verlässt, so stösst man auf ein ganzes Strässchen mit Imbissbuden und bunten, kleinen Restaurants. Da Downtown MianYang rund zwanzig Minuten mit dem Bus von unserem Campus entfernt ist, essen wir zwangsläufig fast immer hier und sind bekannte und sicher auch amüsante (wegen unserer Bestellweise, die entweder mit Körpersprache oder ungewöhnlichem Chinesisch erfolgt) Gäste in unseren Stammlokalen. Um die Essenszeiten, und da sind die Chinesen nur wenig flexibel, muss doch immer um 12 und 18 Uhr Nahrung aufgenommen werden, wimmelt es rund um die Verpflegungsmöglichkeiten nur so von Studenten und es liegt immer ein scharfer Geruch von Chilli in der Luft, welcher bei uns auch jetzt noch manchmal eine Hustenattake auslöst.











So kann es aussehen, wenn wir von unserem Balkon einen Blick auf die Strasse ausserhalb unseres Campus werfen. Doch dieses Wasserspektakel ereignet sich selbstverständlich nur nach starken Regengüssen, wenn das Abwassersystem völlig überlastet ist. Einige billigere Fabrikate von Fahrzeugen können den Wassermassen nicht standhalten und geben dann mitten in der Pfütze den Geist auf - interessant das aus der trockenen Wohnung zu beobachten. Aber auch in trockenem Zustand bietet die Strasse einiges an Unterhaltung, weil die Fahrzeuge eine grosse Vielfalt aufweisen und man vom Ochsenkarren über den Schweinetransport zur Militärparade einiges sehen kann.














Rund um unseren Campus ist das Land zum grossen Teil noch unverbaut. Doch das wird nicht lange so bleiben. Der wirtschaftliche Aufschwung ist in MianYang gut erkennbar und resultiert in unzähligen Neubauten und Baustellen. Fast immer werden ganze Wohnanlagen und Gebäudekomplexe erstellt, selten ein einzelnes Bauwerk. Zwar geschieht das mittels neuster Technologie mit modernsten Maschinen, doch die Baugerüste bestehen weiterhin aus Bambusstäben.














Zum Glück werden wir nur selten an das grosse Erdbeben vom 12. Mai erinnert und die Stadt selbst scheint davon ziemlich unversehrt. Trotzdem haben viele Menschen am Stadtrand und auf dem Land ihr Zuhause verloren und wohnen jetzt in Flüchtlingsdörfern in der Stadt, wovon eines nur ein paar Meter von unserer Wohnung entfernt ist. Die unglaubliche Weite des Lagers lässt einem erahnen, wie gross die Verwüstung in der Region gewesen sein muss. Doch abgesehen von einer Schule, wo Kinder Drillübungen machen, scheint bei unserem Besuch im Lager nicht mehr viel los zu sein. Viele sind wahrscheinlich wieder zurück aufs Land gezogen.














Bei einem Erkundungsstreifzug durch die nähere Umgebung sehen wir uns eine dieser riesigen Überbauungen aus der Nähe an. Keine Frage, so wohnt nicht die Mehrheit der 1.3 Milliarden Chinesen: Zuerst passiert man eine Eingangskontrolle bestehend aus mehreren Securities und ein hochmodernes Überwachungszentrum mit diversen Bildschirmen, auf denen jeder Winkel der Siedlung eingesehen werden kann. Dank unserem Exotenbonus und dem Zaubersätzchen "ting bu dong" (Sorry, wir verstehn nix!) passieren wir diese Hürde aber problemlos. Wir geben uns als potentielle Kaufinteressenten und besichtigen eine Dachwohnung im Rohbau: Für umgerechnet 70'000 Franken gibt es 150 Quadratmeter auf zwei Stöcken, inklusive riesiger Dachterrasse. Tönt grundsätzlich vielversprechend, doch beim näheren Hinschauen zeigen viele Dinge in China erst ihr wahres Gesicht: Geländer rosten bereits wenige Wochen nach der Fertigstellung, Fenster, Türen und Bodenbeläge sowie Bad und Küche fehlen und müssen auf eigene Kosten installiert werden und wie uns andere Foreign Teachers erzählen, kommen noch diverse weitere versteckte Kosten in der Höhe des Wohnungspreises hinzu. Naja, wir haben eh grad nicht genug Kleingeld dabei und verzichten darum auf den Kauf eines Eigenheims in der chinesischen Pampa.













29. Oktober 2008

Adam & Eva

Warum waren Adam und Eva mit Sicherheit keine Chinesen?
Sie hätten anstelle des Apfels die Schlange verspiesen.



















Kleiner Snack für zwischendurch: Skorpione am Spiess.
Das Bild haben wir vor drei Jahren in Peking geschossen; bei uns in der Provinz Sichuan fällt der Menuplan (glücklicherweise) nicht allzu exotisch aus. Hühnerkrallen und in den kalten Wintermonaten ab und zu ein bisschen Hund sind aber auch hier eine gern gesehene Abwechslung.

26. Oktober 2008

Wenn Schweizer Chinesen auf Englisch Französisch beibringen

Zwar bin ich hier als „oral english teacher“ angestellt, aber da sich auf dem Campus herumgesprochen hat, dass die Schweizer wahnsinnig viele Sprachen beherrschen würden (na ja, im Vergleich mit unseren angelsächsischen Arbeitskollegen ein durchaus berechtigtes Gerücht), nutzen nun jede Woche zwei Studentinnen meine „office hours“, um ihre „french pronounciation“ zu verbessern. Nun: Chinesisch mag für uns zwar eine wirklich ernst zu nehmende sprachliche Herausforderung sein, „mais le Français avec sa prononciation extravagante est une véritable torture pour les pauvres tongues chinoises“.

Eines meiner beliebteren sprachlichen Foltermittel ist das Wort „monsieur“. Da das Chinesische keinen Klang von der Art eines „ö“ kennt, mühen sich die zwei bereits seit mehreren Wochen ab und kriegen doch nur ein kaum verständliches „müsiüü“ heraus. Wirklich fies wird es aber, wenn man tief in der Chansonkiste wühlt und schliesslich bei Edith Piaf fündig wird: „Non, rien de rien. Non, je ne regrette rien!“. Da ziehen sich die sowieso meist schon schmalen Augen zu engen Schlitzen zusammen und verzweifelt wird versucht, die Zunge ans rechte Ort zu rücken und die Lippen gleichzeitig zu entspannen. Doch das „R“ will einfach nicht ins Rollen kommen und die französische Phonetik bleibt in diesem Fall auch nach dem x-ten Anlauf ein vorerst unergründliches Rätsel und Edith Piaf klingt nun in etwa wie folgt: „Non, schien dü schien. Non, schü nü schügschätä schien!“. Nach einer Stunde sind die zwei ehrgeizigen Studentinnen völlig erschöpft; eine hat sogar von Muskelkater berichtet.

Aber auch für mich ist diese Trainingseinheit jeweils ganz schön „demanding“. Da die Studentinnen fliessend Englisch sprechen, ihr Französisch aber noch in den Kinderschuhen steckt und ich gleichzeitig immer auch ein bisschen Chinesisch lernen möchte, ist ein viersprachiger Spagat gefordert:

„The word „le grand serpent“ means „a big snake“.
The pronounciation is „lö gron särpon“.
Now you try to say it. (...)
Yeah, quite good. What does snake in Chinese mean? (...)
Aha, „da she“. Is my pronounciation correct? (...)
Maintenant again in French; ahm, encore one more time en français: „lö gron särpon“..."

Nach einigen Durchgängen klingt mein Englisch „un peu trop français“, meine chinesischen Versuche bekommen „a slight English accent“ und die ganze Angelegenheit kommt den zwei Chinesinnen endgültig ziemlich Spanisch vor...

23. Oktober 2008

Von der Koexistenz chinesischer Perfektion und unglaublicher Schlamperei



Kurz nach unserer Ankunft in China fällt mir ein Reisemagazin in die Hände, welches das Thema Haare mit all dem dazugehörigen chinesischen Vokabular abhandelt. Noch ist die Seite für mich nicht von Interesse, doch ich nehme das Heft nach Hause in weiser Voraussicht, dass der Tag X kommen wird, wo ich hier einen Coiffeur aufsuchen muss. Ausserdem entdecken wir bei einem unserer zahllosen Stadtrundgänge einen sehr durchgestylten Salon, wie ich ihn in der Schweiz noch nicht gesehen habe und ich merke mir die Adresse für den immer näher rückenden Besuch. Denn wo kann man sich sonst schon so was leisten?

So gut vorbereitet ist doch der Gang zum Friseur eine wahre Freude: Zielstrebig und gut bewaffnet mit dem gesamten Haar-Vokabular und einem Langenscheidt für den Fall der Fälle, suche ich den vorgemerkten Beautypalast auf. Das scheint schon mal kein übertriebener Vorbereitungsaufwand gewesen zu sein, denn wie erwartet spricht hier niemand fliessend Englisch. Trotzdem werde ich freudig und herzlich von einem ganzen Rudel junger Männer empfangen, die allesamt die These von Thomas’s Schülern „there are no gay people in China“ widerlegen könnten. Selbstsicher zeige ich auf den Satz „I have split ends. Can you please trim them?“ und kurz danach noch auf „dye“. Ich werde verstanden und sogleich von den ca. zehn männlichen Coiffeurs im Alter zwischen 20 und 30 in einen speziell zum Haarewaschen designten Raum eskortiert. Unterwegs wird mir meine Tasche abgenommen, welche, obwohl ich weit und breit die einzige Kundin bin, sofort in ein Schliessfach gelegt wird und mir wird im Gegenzug ein Armband mit dem Schlüssel umgebunden. Im Waschraum angekommen lege ich mich auf eine Liege – ja, das ist ja mal was, kein abgeknicktes Genick und verkrampftes Schlucken beim Haarewaschen, sondern eine horizontale Liege zum Relaxen. Der Raum hat ausgewählte Muster an den Wänden und wird sanft mit Musik beschallt. Als ich da so liege und langsam Wasser ins Becken um meinen Kopf eingelassen wird, hält mir plötzlich jemand einen Katalog über den Kopf. Als ich die Preise sehe, spicke ich fast sekundenschnell in die Vertikale. Was? Der Service hier startet bei 70 Franken! In einem Land, wo Thomas für nicht mal einen Franken die Haare geschnitten hat! Da ich nur die Preise, nicht aber den dazugehörigen Service entziffern kann, wähle ich den Billigsten, da mir auch bei diesem Färben und Spitzenschneiden versprochen wird. Trotzdem beklage ich mich lauthals über den Wucherpreis und ohne grosses Theater willigen die Jungs in einen 60%igen Rabatt ein. Erleichtert lege ich mich wieder hin und geniesse die Kopfmassage, die nur dadurch gestört wird, dass der Massierende ein lautes Geräusch im Rachen macht und dann knapp an meinem Kopf vorbei auf den Boden spuckt. Nach dem Haarewaschen wird mein Haar mit Handtüchern abgerubbelt und ohne zu kämmen gleich von allen Richtungen geföhnt. Klar, dass meine nicht so chinesisch-glatten Haare keine Freude daran haben und in alle Richtungen abstehen. Ich sitze total zerzaust da mit meinem schon grossenteils grauen Haaransatz und den ausgefransten Spitzen und zehn Experten begutachten das Desaster – sind sie sich doch nur glattes, dickes, schwarzes Haar gewohnt! Jeder der Haarspezialisten schaut meine Haare für drei Minuten an und der Typ, der sich „Britney Spears“ auf den Handrücken eintätowiert hat, macht sogar einen Telefonanruf und diskutiert das Malheur mit einem Freund. Doch plötzlich spricht der einzige Coiffeur, der über ein paar englische Brocken verfügt, sehr undiplomatisch aus, was das Problem zu sein scheint: „you have very bad hair!“. Diese nicht sehr erfreuliche Aussage wird noch unterstrichen mit der Information, dass ich aus diesem Grunde den doppelten Preis zu bezahlen hätte. Aus einer im Prinzip sehr schwachen Verhandlungsposition heraus drohe ich trotzdem an, den Salon auf der Stelle zu verlassen, wenn ich nicht zum abgemachten Preis bedient würde. Unerwarteterweise beschwichtigt man mich trotzdem gleich mit „okay, okay, we will do it“. Nachdem man mich nun 30 Minuten „untersucht“ hat, beginnt die Färberei. Gleich wird mir auch prognostiziert, dass die Sache ca. 3 Stunden dauern wird, weil das Haar ja eben „very bad“ sei und ich zudem noch extrem viele dieser problematischen Haare hätte.
Drei Stunden war wohl eine gute Schätzung – wenn man nur das Färben einberechnet. Bis zum Zeitpunkt, wo ich den Laden verlassen kann, wird noch viel Zeit vergehen. Das Färben an sich wird professionell durchgeführt, Strähne um Strähne wie man das erwartet, einfach etwas langsamer als normal. Nur vergessen die Profis, die mit der Farbpaste behandelten Haare hochzustecken und die Farbe rinnt mir tief in die Stirne und die Ohrmuscheln. Wohlweislich hat man mir einen Schutz umgelegt, aber leider hält das Mäntelchen die Farbe nicht ab, weils nicht ganz wasserdicht ist und so wird schlussendlich auch mein T-Shirt mit Farbe durchtränkt. Dies hat zur Folge, dass man mich ca. 30 Minuten waschen muss und mit einem Spezialmittel mein T-Shirt behandelt, was natürlich nichts nützt, sondern die Sache eher noch verschlimmert. Immerhin vergeht die Zeit schnell, denn das Färben findet wiederum in einem speziellen Raum statt, welcher nicht nur sehr schön gestaltet ist, sondern auch noch mit Computern ausgestattet wurde. Jeder Sitzplatz ist gleichzeitig ein Computerterminal und während ich bedient werde, kann ich also im Internet surfen und Tee trinken! So kann ich ein online Wörterbuch öffnen und versuchen mit den nachgeschlagenen Wörtern chinesische Sätze zu bilden, was Chinesen immer erfreut. Ich kann den Jungs, welche mich die ganze Prozedur hindurch umkreisen auch die Homepage der Schule zeigen an welcher wir arbeiten, sowie Fotos von mir und Thomas. Wie immer wird das Gespräch stark von gegenseitiger Neugier im Gang gehalten. Man studiert meine Physiognomie und stellt fest „you have a long nose“ und „your boyfriend must be very strong” was mit „because you are so tall“ begründet wird. Fürs Frisieren am Schluss, werde ich in einen dritten Raum geführt, welcher im Design den anderen zwei Zimmern in nichts nachsteht. Liebevoll wird Strähne für Strähne an ihren Platz gebracht und nach fast fünf Stunden, bezahle ich den abgemachten Preis und verlasse den Salon, zwar zufrieden mit dem Resultat aber völlig erschöpft vom ganzen Prozess.

14. Oktober 2008

Chongqing

Noch nie gehört? Macht nichts, geht wohl den meisten gleich; trotzdem gut zu wissen: Chongqing ist mit 32 Millionen Einwohnern die grösste Stadt der Welt. Zwar gewinnt sie diesen Kampf der urbanen Superlative nur unter Einbezug der sie umgebenden Vororte, doch gehört nicht auch Schwammendingen zu Zürich?

Obwohl uns alle davon abraten, die National Holidays reisend, geschweige denn in einer Grossstadt zu verbringen, reservieren wir uns einen Platz im Bus und nehmen die fünfstündige Fahrt in Angriff. Hotel buchen wir keins vorab und auch ein Rückfahrtticket haben wir noch nicht. Soviele Unsicherheiten würden die allermeisten Chinesen in Angst und Schrecken versetzen, sie sind sich Reisen halt schlichtweg (noch) nicht gewohnt. Dies äussert sich beispielsweise beim Einsteigen in den Bus oder Zug: Obwohl jeder einen reservierten Sitzplatz hat, wird geschubst, gestossen und gedrängelt was das Zeug hält - man weiss ja nie!

Wir kommen auf jeden Fall problemlos nach Chongqing und finden dort auch auf Anhieb ein äusserst zentral gelegenes Hotel. Für 50 Franken pro Nacht (und Zimmer notabene) gönnen wir uns für 5 Nächte die Suite im 29. Stock mit Aussicht auf die neuesten Bauvorhaben.



Chongqing ist eine Stadt der krassen Kontraste: Während im durchgestylten Stadtzentrum die oberen Zehntausend mit dem Porsche Cayenne in glitzernden Einkaufstempeln bei Escada und Armani ihre Einkaufstouren bestreiten...



... wohnen nur wenige hundert Meter entfernt Menschen, welche sich wohl nicht einmal den Luxus eines Kaffees bei Starbucks leisten könnten. Aber gerade diese verwinkelten Gässchen haben trotz offensichtlicher Armut einen ganz eigenen Charme. Teilweise auf Stelzen gebaute Häuser schmiegen sich an die steilen Hänge der Halbinsel, welche in den Yangtze abfällt.



Abends wird an jeder Ecke eine kleine Küche aufgebaut und Tischchen aufgestellt.





Obwohl die Hygienestandards vor allem auch in den Altstadtgässchen etwas zu wünschen übrig lassen (oh, wir sind bereits verwöhnt, wird doch MianYang als säuberste Stadt Chinas bezeichnet!), schätzt man es auch hier nicht, wenns auf dem Fleisch plötzlich zu krabbeln beginnt. Diese Gefahr wendet man mit Hilfe von mehr oder weniger primitiven Mitteln ab. Eine sehr effektive Abwehr ist das Töten von Ungeziefern mit einer einfachen Fiegenklappe. Dies bietet ausserdem noch einiges an Unterhaltungswert und lässt die nächtliche Verkaufsschicht vor dem Fleischstand schneller passieren.



Genaustens überprüfen wir die Lebensmittel in den Altstadtgässchen. Jetzt wollen wir doch endlich mal was wirklich chinesisch-klischeehaft Ekliges entdecken! Wir inspizieren alle Zutaten ganz genau und können leider nach wie vor nicht von ausgefallenen Organen und Körperteilen von Hunden und Ratten berichten.

Noch haben nicht alle Tempel den Hochhäusern weichen müssen. Zum Glück, denn wo würde man sonst...

... all die Opfergaben verbrennen? Der Verstorbene, dessen Verwandte dieses aus Papier gefertigte Gebilde in Flammen aufgehen lassen, kann sich wohl glücklich schätzen: in dieser Villa wird er leben wie im 7. Himmel!

In diesem Fluss hat noch vor wenigen Jahren der Yangtse-Delphin gelebt. Dass dieser mittlerweile ausgestorben ist, sollte den Betrachter dieses Bildes wohl nicht wundern. Ein trübes Bild? Überhaupt nicht, das ist Chongqing bei Sonnenschein!



Berühmt für Chongqing sind auch die kleinen, drahtigen "Bangbang", welche schwere Lasten mit Hilfe einer Bambusstange auf ihren Schultern durch die steilen Gässchen der Stadt tragen. Naja, wenn man schon so trainiert ist, dann ist's wohl auch keine Sache, einen Kühlschrank von A nach B zu befördern.

Im Zoo ist der Bär los - oder in diesem Falle wohl eher die Giraffe! Die Zoobesucher locken das Tier mit frischen Blättern so lange, bis es die erste Abschrankung überschreitet. Auch der Zoowärter kann sich nur mit Müh und Not beim Volk durchsetzen und die Giraffe wieder in die Schranken weisen. Sowieso scheinen die Tiere im Zoo nicht sehr sicher zu sein. Wir waren zum Beispiel Augenzeuge wie eine erwachsene Frau einem Stacheltier eine Petflasche angeworfen hat. Um solche Zwischenfälle zu vermeiden hat der Zoo auch diverse Schilder angebracht "Don't beat or catch or hurt or steal the animals, otherwise you will be severely punished!". Vielleicht passend hier zu erwähnen, dass die Analphabetenquote im Land 10% beträgt...

Piranhas?? Zwar knabbern diese Fischchen an unseren Füssen herum, wie es auch die räuberischen Fische der tropischen Süssgewässer mit ihren Opfern tun würden....



...doch diese Tierchen haben es lediglich auf unsere Hornhaut abgesehen - und davon haben wir schliesslich genug für alle. Diese auf den ersten Blick etwas riskante Wellnesskur führen wir in der wohlbehüteten Umgebung in einer heissen Quelle durch - ein wahre Oase mitten in der Grossstadt.

Nicht nur durch das Abklappern von Stadtteilen konnten wir viel über Chongqing erfahren, nein, auch unser neuer Freund David konnte uns viel über die Stadt und ihre Menschen erzählen. David hat uns in einem Buchladen angesprochen, als wir gerade für mehr Chinesischlernmaterial ausschau gehalten haben, und wir haben die Chance genutzt uns gleich an zwei Abenden mit ihm zu verabreden. Vorallem war es ihm wichtig, uns die lokale Küche etwas Näher zu bringen und so haben wir mit ihm sowohl Hotpot wie auch die Alte-Enten-Suppe gekostet, welche viel leckerer war als der Name impliziert. Da David in einer internationalen Unternehmung tätig ist, haben wir auch viel über Geld, Geschäfte und über seine Zukunftsvision gesprochen eine Frau zu heiraten, welche mit ihm zusammen für "einen Gewinn für die nächste Generation" sorgt. Er hat auch angedeutet, dass diese Frau eine der beiden Begleiterinnen sein könnte, welche er nacheinander an unsere Treffen mitgebracht hat. Hier ein Gruppenfoto mit dem potentiellen Päärchen und uns.


My strange friend

Es ist immer wieder eine Freude, den Computer anzustellen und Post von den Studenten zu kriegen. Das Mail von meinem, offenbar leicht verzweifelten Freund Alix (Bestechung von Lehrern muss in China wohl ein Kavaliersdelikt sein) ist wirklich einsame Klasse. Vielleicht gar nicht so schlecht, wenn der junge Mann diesen Englischkurs wiederholt…
“Dear thomas:
I’m a tf-swufe college student. so glad to send mail to you .My name is Alix , Chinense is PengShuai .I ‘m junior.I could’t pass my examinatin about Eglish speaking when I’m a freshman.I need you help , I hope you can accept me . Let me to teach this class again in your classroom in Friday moning 3and4 class.I just hope I can do a qualified college student .and meet a good teacher like you .haw-haw , I know if you accept me as your student or friend , you should feel tired more.But I will compensate you ,like drink beer, and eat dilicious food.Please, Please, Please! accept me . Trust me ,I’m a good person.I hope back soom.MR thomas.
your strange friend Alix”




Wen wundert's, dass die Schüler Kurse repetieren müssen, wenn's beim Lernen so zu und her geht? Ein Bild, das wir bei einem Streifzug durch Mianyang geschossen haben.

Alltag

Ni hao, liebe Blogleser
Besten Dank für all die Feedbacks auf unseren ersten Eintrag. Tja, nun sind wir doch sage und schreibe schon fast einen Monat hier in Mian Yang zu Hause. Und langsam kehrt eine gewisse Routine ein, denn die Schule, und damit unser chinesischer Arbeitsalltag, hat letzte Woche begonnen. Dazu aber später mehr...Die letzten unterrichtsfreien Tage haben wir genutzt, um Sichuan zu erkunden. Bei einem viertägigen Kurztrip in die Berge südlich von Chengdu bezwingen wir den Emei Shan (3099m), einen der vier heiligen buddhistischen Berge Chinas. Technisch gesehen zwar keine alpinistische Meisterleistung, dafür aber durchaus eine ernsthafte konditionelle Herausforderung. Auf den Emei steigt man nämlich nicht wie gewohnt über sanft ansteigende Wanderwege, gesäumt von Krokus & Enzian und unter Beobachtung gemächlich wiederkäuender Rinder; NEIN! Auf diesen Berg führt eine gigantische Treppe, mit mindestens 15'000 Stufen, mitten durch den Dschungel. Zusätzlich erschwert wird der Aufstieg durch Gruppen aufdringlicher Wegelagerer, welche nicht mit sich spassen lassen.


Und auch die Aussicht auf dem Gipfel entschädigt leider kaum für die in Kauf genommenen Strapazen. Tönt jetzt wohl alles ein bisschen negativ, war aber letztendlich eine lustige Sache.



Den Abstieg ersparen wir uns und nehmen wie die Chinesen den Bus. Allerdings ist auch diese Strecke nicht ganz ohne... So eine Abfahrt von 2'500 Höhenmetern bietet naturgemäss einiges an schwungvollen Kurven und der chinesische Durchschnittsmagen (besonders derjenige der Damenwelt) erträgt leider nur ein sehr beschränktes Mass an Fliehkräften. Jedenfalls hängen im ganzen Bus Plastiktüten, welche während der einstündigen Fahrt denn auch fleissig benutzt werden. Zudem muss der Bus dreimal stoppen und Passagiere notfallmässig in die Büsche hüpfen lassen...Von all den Strapazen erholen wir uns am Fusse des Gipfels im wunderschönen Thermalbad; gemäss unbescheidenen chinesischen Angaben zudem natürlich auch das grösste SPA in ganz Asien.

Dass Lehrer in China einen anderen Stellenwert haben als in der Schweiz wird uns bereits am Vortag unserer ersten Schulstunde bewusst. Wir werden nämlich anlässlich des „Lehertags“ von der Schulleitung zu einer Feier eingeladen, welche von Lehrer für Lehrer veranstaltet wird. Für uns nicht Chinesisch Sprechenden eher eine Tortur denn wahre Freude, da nebst langen unverständlichen Reden von Parteimitgliedern und Schülern, auch von einigen Lehrern, äusserst selbstbewusst, epische Lieder in kreuzfalschen Tonlagen vorgetragen werden. Analog zum „Muttertag“ in der Schweiz bedankt man sich bei den Lehrern für ihren unermüdlichen Einsatz, lobt den eigenen Berufstand und einige Lehrer werden sogar von ihren Studenten zum Essen ausgeführt! Dies alles lässt uns natürlich das Beste hoffen und unsere Erwartungen sind entsprechend hoch. Trotzdem sind wir einigermassen erstaunt, als die Schüler, welche schon 10 Minuten vor Stundenbeginn ruhig und erwartungsvoll im Bank sitzen, in ihrem Erstaunen über die neuen weissen Lehrer sogar spontan applaudieren, als wir das Klassenzimmer betreten. Natürlich sollten wir die Studenten noch nicht zu sehr loben, sind es doch erst die ersten Lektionen mit uns, welche noch mit netten Diashows von unserer Seite angereichert werden und von gegenseitiger Neugier geprägt sind. Mal schauen, ob nach zahlreichen, ermüdenden Marketing-Strategie-Folien und seitenweise neuem Voci, die positive Haltung uns gegenüber weiterhin anhält. Was uns aber vorerst amüsiert, wollen wir euch Lesern nicht weiter vorenthalten:
· Die Studenten plappern unaufgefordert gewisse Schlagworte und Ausdrücke nach. Auf die Erklärung hin „I am your new marketing teacher. My name is Andrea“ rufen 60 Studenten im Chor „Andrea“.
· Die Studenten stehen zum Sprechen immer auf und was ihnen jahrelang indoktriniert wurde, können wir ihnen natürlich in den ersten Schulstunden nicht so auf die Schnelle wieder abgewöhnen.
· Wir bekommen diverse aufdringliche SMS; hier ein Müsterchen: “Hello! Thomas! I am a freshman of class 32! We haven’t have meeting, but we will meet soon! I have a dream that I can make foreign friends one day, now I think there is a good chance, I want to be your friend, may I? My English name is Jasny! My English is poor, so if I disturb you, please forgive me! I will be an active girl in your class! Best wishes!”
· Eine Studentin versteckt ihre Augen unter ihrer linken Hand, während sie sich mit rechts melden muss (Präsenzkontrolle). Auf die Frage hin, warum sie sich verstecke, antwortet sie nur „shy“.
· Zwei Knaben aus einer anderen Klasse schleichen sich über einen Balkon zu Andreas Schulzimmer und beobachten die Stunde durchs Fenster.
· Ein weiteres Fiasko sind die englischen Namen, welche sich die Schüler aussuchen, da ihre chinesischen Namen für uns Westler entschieden zu schwierig wären. Einige Studenten wie „Shock“, „Artboy“ und „Napoleon“ mussten wir darauf aufmerksam machen, dass so ein Name im späteren Berufsleben problematisch sein könnte und haben ihnen geraten denselben zu wechseln. Hier ein beispielhafter Dialog: „Thomas, I want to change my English name too.“ “OK, what’s your English name now?” “Lucy.” „ But that is a very nice English name, you don’t need to change it.“ “Yes, I want to change my name.” “So, what’s your new name?” “Apple green! I like it very much.” Oder ein Beispiel aus Andreas Klasse:„My English name is Fish.“ „ But you know, Fish is actually not really a name. Do you know what Fish means?” “Yes, but I want to give it a totally new meaning!”
· Feedback am Ende einer Stunde: „I would like to tell you that it was a very interesting lesson and I learnt many new words. I want to be a very good student. I’m so happy I can come to your class.” – Vielen Dank, lieber Student, ich bin gerührt. Aber was führst du wirklich im Schilde?!
· Ein weiteres Phänomen: Viele Schüler sind kurzsichtig, doch die wenigsten haben eine Brille. Darum werden die wenigen Brillen, welche im Klassenzimmer vorhanden sind, von Student zu Student weitergereicht, wenn sie etwas vorlesen müssen.

Mit einem weiteren, soeben eingetroffenen SMS möchten wir uns von euch verabschieden: „Goodnight teacher. I am Shock. I have changed my English name. My new name is Dan! Thank you!” - Da haben die ersten Bemühungen ja bereits Früchte getragen!-)

Macht’s gut! Liebe Grüsse aus Mian Yang, Andrea & Thomas.