29. Oktober 2008

Adam & Eva

Warum waren Adam und Eva mit Sicherheit keine Chinesen?
Sie hätten anstelle des Apfels die Schlange verspiesen.



















Kleiner Snack für zwischendurch: Skorpione am Spiess.
Das Bild haben wir vor drei Jahren in Peking geschossen; bei uns in der Provinz Sichuan fällt der Menuplan (glücklicherweise) nicht allzu exotisch aus. Hühnerkrallen und in den kalten Wintermonaten ab und zu ein bisschen Hund sind aber auch hier eine gern gesehene Abwechslung.

26. Oktober 2008

Wenn Schweizer Chinesen auf Englisch Französisch beibringen

Zwar bin ich hier als „oral english teacher“ angestellt, aber da sich auf dem Campus herumgesprochen hat, dass die Schweizer wahnsinnig viele Sprachen beherrschen würden (na ja, im Vergleich mit unseren angelsächsischen Arbeitskollegen ein durchaus berechtigtes Gerücht), nutzen nun jede Woche zwei Studentinnen meine „office hours“, um ihre „french pronounciation“ zu verbessern. Nun: Chinesisch mag für uns zwar eine wirklich ernst zu nehmende sprachliche Herausforderung sein, „mais le Français avec sa prononciation extravagante est une véritable torture pour les pauvres tongues chinoises“.

Eines meiner beliebteren sprachlichen Foltermittel ist das Wort „monsieur“. Da das Chinesische keinen Klang von der Art eines „ö“ kennt, mühen sich die zwei bereits seit mehreren Wochen ab und kriegen doch nur ein kaum verständliches „müsiüü“ heraus. Wirklich fies wird es aber, wenn man tief in der Chansonkiste wühlt und schliesslich bei Edith Piaf fündig wird: „Non, rien de rien. Non, je ne regrette rien!“. Da ziehen sich die sowieso meist schon schmalen Augen zu engen Schlitzen zusammen und verzweifelt wird versucht, die Zunge ans rechte Ort zu rücken und die Lippen gleichzeitig zu entspannen. Doch das „R“ will einfach nicht ins Rollen kommen und die französische Phonetik bleibt in diesem Fall auch nach dem x-ten Anlauf ein vorerst unergründliches Rätsel und Edith Piaf klingt nun in etwa wie folgt: „Non, schien dü schien. Non, schü nü schügschätä schien!“. Nach einer Stunde sind die zwei ehrgeizigen Studentinnen völlig erschöpft; eine hat sogar von Muskelkater berichtet.

Aber auch für mich ist diese Trainingseinheit jeweils ganz schön „demanding“. Da die Studentinnen fliessend Englisch sprechen, ihr Französisch aber noch in den Kinderschuhen steckt und ich gleichzeitig immer auch ein bisschen Chinesisch lernen möchte, ist ein viersprachiger Spagat gefordert:

„The word „le grand serpent“ means „a big snake“.
The pronounciation is „lö gron särpon“.
Now you try to say it. (...)
Yeah, quite good. What does snake in Chinese mean? (...)
Aha, „da she“. Is my pronounciation correct? (...)
Maintenant again in French; ahm, encore one more time en français: „lö gron särpon“..."

Nach einigen Durchgängen klingt mein Englisch „un peu trop français“, meine chinesischen Versuche bekommen „a slight English accent“ und die ganze Angelegenheit kommt den zwei Chinesinnen endgültig ziemlich Spanisch vor...

23. Oktober 2008

Von der Koexistenz chinesischer Perfektion und unglaublicher Schlamperei



Kurz nach unserer Ankunft in China fällt mir ein Reisemagazin in die Hände, welches das Thema Haare mit all dem dazugehörigen chinesischen Vokabular abhandelt. Noch ist die Seite für mich nicht von Interesse, doch ich nehme das Heft nach Hause in weiser Voraussicht, dass der Tag X kommen wird, wo ich hier einen Coiffeur aufsuchen muss. Ausserdem entdecken wir bei einem unserer zahllosen Stadtrundgänge einen sehr durchgestylten Salon, wie ich ihn in der Schweiz noch nicht gesehen habe und ich merke mir die Adresse für den immer näher rückenden Besuch. Denn wo kann man sich sonst schon so was leisten?

So gut vorbereitet ist doch der Gang zum Friseur eine wahre Freude: Zielstrebig und gut bewaffnet mit dem gesamten Haar-Vokabular und einem Langenscheidt für den Fall der Fälle, suche ich den vorgemerkten Beautypalast auf. Das scheint schon mal kein übertriebener Vorbereitungsaufwand gewesen zu sein, denn wie erwartet spricht hier niemand fliessend Englisch. Trotzdem werde ich freudig und herzlich von einem ganzen Rudel junger Männer empfangen, die allesamt die These von Thomas’s Schülern „there are no gay people in China“ widerlegen könnten. Selbstsicher zeige ich auf den Satz „I have split ends. Can you please trim them?“ und kurz danach noch auf „dye“. Ich werde verstanden und sogleich von den ca. zehn männlichen Coiffeurs im Alter zwischen 20 und 30 in einen speziell zum Haarewaschen designten Raum eskortiert. Unterwegs wird mir meine Tasche abgenommen, welche, obwohl ich weit und breit die einzige Kundin bin, sofort in ein Schliessfach gelegt wird und mir wird im Gegenzug ein Armband mit dem Schlüssel umgebunden. Im Waschraum angekommen lege ich mich auf eine Liege – ja, das ist ja mal was, kein abgeknicktes Genick und verkrampftes Schlucken beim Haarewaschen, sondern eine horizontale Liege zum Relaxen. Der Raum hat ausgewählte Muster an den Wänden und wird sanft mit Musik beschallt. Als ich da so liege und langsam Wasser ins Becken um meinen Kopf eingelassen wird, hält mir plötzlich jemand einen Katalog über den Kopf. Als ich die Preise sehe, spicke ich fast sekundenschnell in die Vertikale. Was? Der Service hier startet bei 70 Franken! In einem Land, wo Thomas für nicht mal einen Franken die Haare geschnitten hat! Da ich nur die Preise, nicht aber den dazugehörigen Service entziffern kann, wähle ich den Billigsten, da mir auch bei diesem Färben und Spitzenschneiden versprochen wird. Trotzdem beklage ich mich lauthals über den Wucherpreis und ohne grosses Theater willigen die Jungs in einen 60%igen Rabatt ein. Erleichtert lege ich mich wieder hin und geniesse die Kopfmassage, die nur dadurch gestört wird, dass der Massierende ein lautes Geräusch im Rachen macht und dann knapp an meinem Kopf vorbei auf den Boden spuckt. Nach dem Haarewaschen wird mein Haar mit Handtüchern abgerubbelt und ohne zu kämmen gleich von allen Richtungen geföhnt. Klar, dass meine nicht so chinesisch-glatten Haare keine Freude daran haben und in alle Richtungen abstehen. Ich sitze total zerzaust da mit meinem schon grossenteils grauen Haaransatz und den ausgefransten Spitzen und zehn Experten begutachten das Desaster – sind sie sich doch nur glattes, dickes, schwarzes Haar gewohnt! Jeder der Haarspezialisten schaut meine Haare für drei Minuten an und der Typ, der sich „Britney Spears“ auf den Handrücken eintätowiert hat, macht sogar einen Telefonanruf und diskutiert das Malheur mit einem Freund. Doch plötzlich spricht der einzige Coiffeur, der über ein paar englische Brocken verfügt, sehr undiplomatisch aus, was das Problem zu sein scheint: „you have very bad hair!“. Diese nicht sehr erfreuliche Aussage wird noch unterstrichen mit der Information, dass ich aus diesem Grunde den doppelten Preis zu bezahlen hätte. Aus einer im Prinzip sehr schwachen Verhandlungsposition heraus drohe ich trotzdem an, den Salon auf der Stelle zu verlassen, wenn ich nicht zum abgemachten Preis bedient würde. Unerwarteterweise beschwichtigt man mich trotzdem gleich mit „okay, okay, we will do it“. Nachdem man mich nun 30 Minuten „untersucht“ hat, beginnt die Färberei. Gleich wird mir auch prognostiziert, dass die Sache ca. 3 Stunden dauern wird, weil das Haar ja eben „very bad“ sei und ich zudem noch extrem viele dieser problematischen Haare hätte.
Drei Stunden war wohl eine gute Schätzung – wenn man nur das Färben einberechnet. Bis zum Zeitpunkt, wo ich den Laden verlassen kann, wird noch viel Zeit vergehen. Das Färben an sich wird professionell durchgeführt, Strähne um Strähne wie man das erwartet, einfach etwas langsamer als normal. Nur vergessen die Profis, die mit der Farbpaste behandelten Haare hochzustecken und die Farbe rinnt mir tief in die Stirne und die Ohrmuscheln. Wohlweislich hat man mir einen Schutz umgelegt, aber leider hält das Mäntelchen die Farbe nicht ab, weils nicht ganz wasserdicht ist und so wird schlussendlich auch mein T-Shirt mit Farbe durchtränkt. Dies hat zur Folge, dass man mich ca. 30 Minuten waschen muss und mit einem Spezialmittel mein T-Shirt behandelt, was natürlich nichts nützt, sondern die Sache eher noch verschlimmert. Immerhin vergeht die Zeit schnell, denn das Färben findet wiederum in einem speziellen Raum statt, welcher nicht nur sehr schön gestaltet ist, sondern auch noch mit Computern ausgestattet wurde. Jeder Sitzplatz ist gleichzeitig ein Computerterminal und während ich bedient werde, kann ich also im Internet surfen und Tee trinken! So kann ich ein online Wörterbuch öffnen und versuchen mit den nachgeschlagenen Wörtern chinesische Sätze zu bilden, was Chinesen immer erfreut. Ich kann den Jungs, welche mich die ganze Prozedur hindurch umkreisen auch die Homepage der Schule zeigen an welcher wir arbeiten, sowie Fotos von mir und Thomas. Wie immer wird das Gespräch stark von gegenseitiger Neugier im Gang gehalten. Man studiert meine Physiognomie und stellt fest „you have a long nose“ und „your boyfriend must be very strong” was mit „because you are so tall“ begründet wird. Fürs Frisieren am Schluss, werde ich in einen dritten Raum geführt, welcher im Design den anderen zwei Zimmern in nichts nachsteht. Liebevoll wird Strähne für Strähne an ihren Platz gebracht und nach fast fünf Stunden, bezahle ich den abgemachten Preis und verlasse den Salon, zwar zufrieden mit dem Resultat aber völlig erschöpft vom ganzen Prozess.

14. Oktober 2008

Chongqing

Noch nie gehört? Macht nichts, geht wohl den meisten gleich; trotzdem gut zu wissen: Chongqing ist mit 32 Millionen Einwohnern die grösste Stadt der Welt. Zwar gewinnt sie diesen Kampf der urbanen Superlative nur unter Einbezug der sie umgebenden Vororte, doch gehört nicht auch Schwammendingen zu Zürich?

Obwohl uns alle davon abraten, die National Holidays reisend, geschweige denn in einer Grossstadt zu verbringen, reservieren wir uns einen Platz im Bus und nehmen die fünfstündige Fahrt in Angriff. Hotel buchen wir keins vorab und auch ein Rückfahrtticket haben wir noch nicht. Soviele Unsicherheiten würden die allermeisten Chinesen in Angst und Schrecken versetzen, sie sind sich Reisen halt schlichtweg (noch) nicht gewohnt. Dies äussert sich beispielsweise beim Einsteigen in den Bus oder Zug: Obwohl jeder einen reservierten Sitzplatz hat, wird geschubst, gestossen und gedrängelt was das Zeug hält - man weiss ja nie!

Wir kommen auf jeden Fall problemlos nach Chongqing und finden dort auch auf Anhieb ein äusserst zentral gelegenes Hotel. Für 50 Franken pro Nacht (und Zimmer notabene) gönnen wir uns für 5 Nächte die Suite im 29. Stock mit Aussicht auf die neuesten Bauvorhaben.



Chongqing ist eine Stadt der krassen Kontraste: Während im durchgestylten Stadtzentrum die oberen Zehntausend mit dem Porsche Cayenne in glitzernden Einkaufstempeln bei Escada und Armani ihre Einkaufstouren bestreiten...



... wohnen nur wenige hundert Meter entfernt Menschen, welche sich wohl nicht einmal den Luxus eines Kaffees bei Starbucks leisten könnten. Aber gerade diese verwinkelten Gässchen haben trotz offensichtlicher Armut einen ganz eigenen Charme. Teilweise auf Stelzen gebaute Häuser schmiegen sich an die steilen Hänge der Halbinsel, welche in den Yangtze abfällt.



Abends wird an jeder Ecke eine kleine Küche aufgebaut und Tischchen aufgestellt.





Obwohl die Hygienestandards vor allem auch in den Altstadtgässchen etwas zu wünschen übrig lassen (oh, wir sind bereits verwöhnt, wird doch MianYang als säuberste Stadt Chinas bezeichnet!), schätzt man es auch hier nicht, wenns auf dem Fleisch plötzlich zu krabbeln beginnt. Diese Gefahr wendet man mit Hilfe von mehr oder weniger primitiven Mitteln ab. Eine sehr effektive Abwehr ist das Töten von Ungeziefern mit einer einfachen Fiegenklappe. Dies bietet ausserdem noch einiges an Unterhaltungswert und lässt die nächtliche Verkaufsschicht vor dem Fleischstand schneller passieren.



Genaustens überprüfen wir die Lebensmittel in den Altstadtgässchen. Jetzt wollen wir doch endlich mal was wirklich chinesisch-klischeehaft Ekliges entdecken! Wir inspizieren alle Zutaten ganz genau und können leider nach wie vor nicht von ausgefallenen Organen und Körperteilen von Hunden und Ratten berichten.

Noch haben nicht alle Tempel den Hochhäusern weichen müssen. Zum Glück, denn wo würde man sonst...

... all die Opfergaben verbrennen? Der Verstorbene, dessen Verwandte dieses aus Papier gefertigte Gebilde in Flammen aufgehen lassen, kann sich wohl glücklich schätzen: in dieser Villa wird er leben wie im 7. Himmel!

In diesem Fluss hat noch vor wenigen Jahren der Yangtse-Delphin gelebt. Dass dieser mittlerweile ausgestorben ist, sollte den Betrachter dieses Bildes wohl nicht wundern. Ein trübes Bild? Überhaupt nicht, das ist Chongqing bei Sonnenschein!



Berühmt für Chongqing sind auch die kleinen, drahtigen "Bangbang", welche schwere Lasten mit Hilfe einer Bambusstange auf ihren Schultern durch die steilen Gässchen der Stadt tragen. Naja, wenn man schon so trainiert ist, dann ist's wohl auch keine Sache, einen Kühlschrank von A nach B zu befördern.

Im Zoo ist der Bär los - oder in diesem Falle wohl eher die Giraffe! Die Zoobesucher locken das Tier mit frischen Blättern so lange, bis es die erste Abschrankung überschreitet. Auch der Zoowärter kann sich nur mit Müh und Not beim Volk durchsetzen und die Giraffe wieder in die Schranken weisen. Sowieso scheinen die Tiere im Zoo nicht sehr sicher zu sein. Wir waren zum Beispiel Augenzeuge wie eine erwachsene Frau einem Stacheltier eine Petflasche angeworfen hat. Um solche Zwischenfälle zu vermeiden hat der Zoo auch diverse Schilder angebracht "Don't beat or catch or hurt or steal the animals, otherwise you will be severely punished!". Vielleicht passend hier zu erwähnen, dass die Analphabetenquote im Land 10% beträgt...

Piranhas?? Zwar knabbern diese Fischchen an unseren Füssen herum, wie es auch die räuberischen Fische der tropischen Süssgewässer mit ihren Opfern tun würden....



...doch diese Tierchen haben es lediglich auf unsere Hornhaut abgesehen - und davon haben wir schliesslich genug für alle. Diese auf den ersten Blick etwas riskante Wellnesskur führen wir in der wohlbehüteten Umgebung in einer heissen Quelle durch - ein wahre Oase mitten in der Grossstadt.

Nicht nur durch das Abklappern von Stadtteilen konnten wir viel über Chongqing erfahren, nein, auch unser neuer Freund David konnte uns viel über die Stadt und ihre Menschen erzählen. David hat uns in einem Buchladen angesprochen, als wir gerade für mehr Chinesischlernmaterial ausschau gehalten haben, und wir haben die Chance genutzt uns gleich an zwei Abenden mit ihm zu verabreden. Vorallem war es ihm wichtig, uns die lokale Küche etwas Näher zu bringen und so haben wir mit ihm sowohl Hotpot wie auch die Alte-Enten-Suppe gekostet, welche viel leckerer war als der Name impliziert. Da David in einer internationalen Unternehmung tätig ist, haben wir auch viel über Geld, Geschäfte und über seine Zukunftsvision gesprochen eine Frau zu heiraten, welche mit ihm zusammen für "einen Gewinn für die nächste Generation" sorgt. Er hat auch angedeutet, dass diese Frau eine der beiden Begleiterinnen sein könnte, welche er nacheinander an unsere Treffen mitgebracht hat. Hier ein Gruppenfoto mit dem potentiellen Päärchen und uns.


My strange friend

Es ist immer wieder eine Freude, den Computer anzustellen und Post von den Studenten zu kriegen. Das Mail von meinem, offenbar leicht verzweifelten Freund Alix (Bestechung von Lehrern muss in China wohl ein Kavaliersdelikt sein) ist wirklich einsame Klasse. Vielleicht gar nicht so schlecht, wenn der junge Mann diesen Englischkurs wiederholt…
“Dear thomas:
I’m a tf-swufe college student. so glad to send mail to you .My name is Alix , Chinense is PengShuai .I ‘m junior.I could’t pass my examinatin about Eglish speaking when I’m a freshman.I need you help , I hope you can accept me . Let me to teach this class again in your classroom in Friday moning 3and4 class.I just hope I can do a qualified college student .and meet a good teacher like you .haw-haw , I know if you accept me as your student or friend , you should feel tired more.But I will compensate you ,like drink beer, and eat dilicious food.Please, Please, Please! accept me . Trust me ,I’m a good person.I hope back soom.MR thomas.
your strange friend Alix”




Wen wundert's, dass die Schüler Kurse repetieren müssen, wenn's beim Lernen so zu und her geht? Ein Bild, das wir bei einem Streifzug durch Mianyang geschossen haben.

Alltag

Ni hao, liebe Blogleser
Besten Dank für all die Feedbacks auf unseren ersten Eintrag. Tja, nun sind wir doch sage und schreibe schon fast einen Monat hier in Mian Yang zu Hause. Und langsam kehrt eine gewisse Routine ein, denn die Schule, und damit unser chinesischer Arbeitsalltag, hat letzte Woche begonnen. Dazu aber später mehr...Die letzten unterrichtsfreien Tage haben wir genutzt, um Sichuan zu erkunden. Bei einem viertägigen Kurztrip in die Berge südlich von Chengdu bezwingen wir den Emei Shan (3099m), einen der vier heiligen buddhistischen Berge Chinas. Technisch gesehen zwar keine alpinistische Meisterleistung, dafür aber durchaus eine ernsthafte konditionelle Herausforderung. Auf den Emei steigt man nämlich nicht wie gewohnt über sanft ansteigende Wanderwege, gesäumt von Krokus & Enzian und unter Beobachtung gemächlich wiederkäuender Rinder; NEIN! Auf diesen Berg führt eine gigantische Treppe, mit mindestens 15'000 Stufen, mitten durch den Dschungel. Zusätzlich erschwert wird der Aufstieg durch Gruppen aufdringlicher Wegelagerer, welche nicht mit sich spassen lassen.


Und auch die Aussicht auf dem Gipfel entschädigt leider kaum für die in Kauf genommenen Strapazen. Tönt jetzt wohl alles ein bisschen negativ, war aber letztendlich eine lustige Sache.



Den Abstieg ersparen wir uns und nehmen wie die Chinesen den Bus. Allerdings ist auch diese Strecke nicht ganz ohne... So eine Abfahrt von 2'500 Höhenmetern bietet naturgemäss einiges an schwungvollen Kurven und der chinesische Durchschnittsmagen (besonders derjenige der Damenwelt) erträgt leider nur ein sehr beschränktes Mass an Fliehkräften. Jedenfalls hängen im ganzen Bus Plastiktüten, welche während der einstündigen Fahrt denn auch fleissig benutzt werden. Zudem muss der Bus dreimal stoppen und Passagiere notfallmässig in die Büsche hüpfen lassen...Von all den Strapazen erholen wir uns am Fusse des Gipfels im wunderschönen Thermalbad; gemäss unbescheidenen chinesischen Angaben zudem natürlich auch das grösste SPA in ganz Asien.

Dass Lehrer in China einen anderen Stellenwert haben als in der Schweiz wird uns bereits am Vortag unserer ersten Schulstunde bewusst. Wir werden nämlich anlässlich des „Lehertags“ von der Schulleitung zu einer Feier eingeladen, welche von Lehrer für Lehrer veranstaltet wird. Für uns nicht Chinesisch Sprechenden eher eine Tortur denn wahre Freude, da nebst langen unverständlichen Reden von Parteimitgliedern und Schülern, auch von einigen Lehrern, äusserst selbstbewusst, epische Lieder in kreuzfalschen Tonlagen vorgetragen werden. Analog zum „Muttertag“ in der Schweiz bedankt man sich bei den Lehrern für ihren unermüdlichen Einsatz, lobt den eigenen Berufstand und einige Lehrer werden sogar von ihren Studenten zum Essen ausgeführt! Dies alles lässt uns natürlich das Beste hoffen und unsere Erwartungen sind entsprechend hoch. Trotzdem sind wir einigermassen erstaunt, als die Schüler, welche schon 10 Minuten vor Stundenbeginn ruhig und erwartungsvoll im Bank sitzen, in ihrem Erstaunen über die neuen weissen Lehrer sogar spontan applaudieren, als wir das Klassenzimmer betreten. Natürlich sollten wir die Studenten noch nicht zu sehr loben, sind es doch erst die ersten Lektionen mit uns, welche noch mit netten Diashows von unserer Seite angereichert werden und von gegenseitiger Neugier geprägt sind. Mal schauen, ob nach zahlreichen, ermüdenden Marketing-Strategie-Folien und seitenweise neuem Voci, die positive Haltung uns gegenüber weiterhin anhält. Was uns aber vorerst amüsiert, wollen wir euch Lesern nicht weiter vorenthalten:
· Die Studenten plappern unaufgefordert gewisse Schlagworte und Ausdrücke nach. Auf die Erklärung hin „I am your new marketing teacher. My name is Andrea“ rufen 60 Studenten im Chor „Andrea“.
· Die Studenten stehen zum Sprechen immer auf und was ihnen jahrelang indoktriniert wurde, können wir ihnen natürlich in den ersten Schulstunden nicht so auf die Schnelle wieder abgewöhnen.
· Wir bekommen diverse aufdringliche SMS; hier ein Müsterchen: “Hello! Thomas! I am a freshman of class 32! We haven’t have meeting, but we will meet soon! I have a dream that I can make foreign friends one day, now I think there is a good chance, I want to be your friend, may I? My English name is Jasny! My English is poor, so if I disturb you, please forgive me! I will be an active girl in your class! Best wishes!”
· Eine Studentin versteckt ihre Augen unter ihrer linken Hand, während sie sich mit rechts melden muss (Präsenzkontrolle). Auf die Frage hin, warum sie sich verstecke, antwortet sie nur „shy“.
· Zwei Knaben aus einer anderen Klasse schleichen sich über einen Balkon zu Andreas Schulzimmer und beobachten die Stunde durchs Fenster.
· Ein weiteres Fiasko sind die englischen Namen, welche sich die Schüler aussuchen, da ihre chinesischen Namen für uns Westler entschieden zu schwierig wären. Einige Studenten wie „Shock“, „Artboy“ und „Napoleon“ mussten wir darauf aufmerksam machen, dass so ein Name im späteren Berufsleben problematisch sein könnte und haben ihnen geraten denselben zu wechseln. Hier ein beispielhafter Dialog: „Thomas, I want to change my English name too.“ “OK, what’s your English name now?” “Lucy.” „ But that is a very nice English name, you don’t need to change it.“ “Yes, I want to change my name.” “So, what’s your new name?” “Apple green! I like it very much.” Oder ein Beispiel aus Andreas Klasse:„My English name is Fish.“ „ But you know, Fish is actually not really a name. Do you know what Fish means?” “Yes, but I want to give it a totally new meaning!”
· Feedback am Ende einer Stunde: „I would like to tell you that it was a very interesting lesson and I learnt many new words. I want to be a very good student. I’m so happy I can come to your class.” – Vielen Dank, lieber Student, ich bin gerührt. Aber was führst du wirklich im Schilde?!
· Ein weiteres Phänomen: Viele Schüler sind kurzsichtig, doch die wenigsten haben eine Brille. Darum werden die wenigen Brillen, welche im Klassenzimmer vorhanden sind, von Student zu Student weitergereicht, wenn sie etwas vorlesen müssen.

Mit einem weiteren, soeben eingetroffenen SMS möchten wir uns von euch verabschieden: „Goodnight teacher. I am Shock. I have changed my English name. My new name is Dan! Thank you!” - Da haben die ersten Bemühungen ja bereits Früchte getragen!-)

Macht’s gut! Liebe Grüsse aus Mian Yang, Andrea & Thomas.

"Yu" heisst Fisch...




Hallo Schweiz!
„Yu“ heisst Fisch, so viel wissen wir bereits. Heute verspürten wir also Lust auf Yu. In akzentfreiem Sichuan-Dialekt bestellen wir also denselbigen. Den ausufernden Erläuterungen der Serviertochter zum gewählten Gericht stimmen wir (ahnungslos) zu. Nach wenigen Minuten – chinesische Köche sind besonders flinke Kerle – erhalten wir dann unseren „Mo Yu“, ein besonders grossnoppiges Exemplar von einem TINTEN-Fisch. Nun sitzen wir auf unserer Couch und bestreiten mit leichtem Hungergefühl unseren ersten Blogeintrag.
Glücklicherweise klappt die Bestellung nicht immer derart schlecht; ja, wir sind sogar in der Lage die verschiedenen Viecher auf der Speisekarte klar von einander abzugrenzen. Sau, Rind und Chicken (Hunde werden in dieser Region mehrheitlich als Haustiere gehalten) werden dann fast immer, gewürzt mit „viel scharf“, zu einem leckeren Gericht verarbeitet. In drei Minuten Fussdistanz zu unserem Appartement finden sich zahlreiche, kleine Restaurants, wo man für ein (Trink)-geld von vier Franken für zwei Personen reichlich isst und trinkt. Somit wär das für Chinesen mit Abstand wichtigste Thema vorerst abgehandelt.
Die ersten Tage nach unserer Ankunft war Essen bestellen für uns aber noch eher ein zweitrangiges Problem. Nach 24-stündiger Reise von Zürich via Bangkok und Chengdu nach Mianyang öffneten wir erwartungsvoll die Tür zu unserem Heim für die nächsten 12 Monate…
... 4 abscheuliche Tage, 20 wunde Finger, etliche Liter vergossener Schweiss und Putzmittel, sowie diverse Grosseinkäufe im Walmart (Globalisierung sei Dank) resultieren in einer im neoklassizistisch-chinesischen Stil eingerichteten Wohnung.
Wir haben einige besorgte Emails erhalten, da vorgestern erneut ein Erdbeben die Provinz Sichuan erschüttert hat. Wir haben davon glücklicherweise nichts mitgekriegt. Allerdings haben unsere amerikanischen Nachbarn uns versichert, dass es wohl nur eine Frage der Zeit sei, bis auch wir eines der Nachbeben zu spüren bekämen, da diese seit dem grossen Beben im Mai im Wochentakt auftreten würden. Wir haben aber keine Angst davor, denn sowohl auf unserem Campus wie auch in der Stadt sind kaum grössere Schäden an Gebäuden ersichtlich. Betroffen waren vorallem Leute aus ländlichen Gegenden, in welchen Erdrutsche ganze Dörfer ausradiert haben. Diese Bauern wohnen nun an der Stadtgrenze in riesigen Flüchtlingscamps.

Übrigens, wir sind ja im Prinzip als „foreign experts“ hier und müssen darum auch arbeiten. Nach mehrmaligem Nachfragen haben wir folgendes herausfinden können:
1. Andrea unterrichtet nächste Woche entweder Marketing oder Management, nicht gerade die Kernkompetenzen einer Volkswirtschaftlerin, aber wir sind ja flexibel!
2. Thomas startet seinen Unterricht entweder nächsten Montag mit den „freshmen“, vielleicht aber auch erst in 3 Wochen mit den „senior students“, wir werden sehen?!
3. Diesen Mittwoch, so wurde uns versprochen, würde ein sicherlich grossartiges und transparentes Meeting Licht in die ganze Sache bringen.

„Halt es bitzäli andersch!“
Beim gemütlichen samstäglichen Shopping der Familie Lu im faszinierenden Walmart mit all den westlichen Verführungen, überkommt den kleinen Ping Lu ein dringliches Bedürfnis, welchem er sofort nachgeben möchte. Wie praktisch, dass seine Hose, wie die all seiner gleichaltrigen Artgenossen, bereits an physionomisch hervorragend platzierter Stelle permanent geöffnet ist. So reicht ein verbindlicher Schrei aus, damit ihn seine Mutter Liu Lu in die Horizontale hochhebt und er sich zwischen Joghurt- und Sojabohnenregal erleichtern kann.
Bis Bald!