11. Juli 2009

Tour de Chine


grüne Route:

Während unserer Asienreise im 2005 besuchten wir während 6 Wochen China. Dabei reisten wir von Beijing via Xian, wo die berühmten Terracotta-Krieger wachen, zum Yangtse nach Yichang, von dort mit dem Boot die drei Schluchten hinauf nach Chongqing, weiter nach Chengdu zu den Pandas und schliesslich durch die Berge Yunnans nach Vietnam.

rote Route:

Dank zweimonatiger Semesterferien hier am College im Januar und Februar dieses Jahres, hatten wir die Gelegenheit Südostchina zu entdecken. Mit dem Flugzeug ging es zunächst von Chengdu nach Shanghai, wo wir Corinne, Tanja und Christoph trafen, uns gemeinsam die Zehen abfroren, Pudongs Skyline bewunderten und Sylvester feierten. Per Nachtzug gelangten wir dann zu den berühmten Karstfelsen rund um Yangshuo und den (leider vollständig durch Nebel verhängten) Reisterrassen von Longsheng. Schliesslich verbrachten wir noch einige Tage in Hongkong bevor unsere Freunde die Rückreise anzutreten hatten. Wir allerdings wechselten per Schnellboot ins asiatische Glücksspielparadies Macao und zogen nach einigen Tagen weiter gen Süden nach Hainan, wo wir am Strand „überwinterten“.

blaue Route:

Ab Mitte Juli sind wir für 3 Monate auf unserer grossen Abschlussrundreise. Geschätzte 20'000 Kilometer per Bahn, Bus, Taxi, Schiff, Pferd, Rikscha, Velo oder zu Fuss liegen vor uns. Eine provisorische Reiseroute haben wir uns bereits zurechtgelegt, wo wir dann aber letztendlich landen ist eine ganz andere Frage. Eines steht aber definitiv fest: Am 11. Oktober haben wir wieder Schweizer Boden unter den Füssen!

10. Juli 2009

TOP 10

Was wir hier in China vermissen ...

1. effizientes, freundliches Staatspersonal

2. ein Zugbillet zu kaufen, ohne dafür zwei Stunden anstehen zu müssen, bloss
um zu erfahren, dass die gewünschte Verbindung bereits ausgebucht sei

3. än zünftige Schälle-Trumpf mit Puur-Näll z’föift und eme Drüüblatt vom Rösli Ass aaz’säge

4. objektive & kritische Berichterstattung in Zeitung und Fernsehen sowie zensurfreies Internet

5. ein Strassenverkehrsgesetz beziehungsweise dessen Befolgen

6. Schlange zu stehen, ohne permanent von dreisten Chineslein überholt zu werden, welche man dann freundlich auf die Kunst des Anstehens aufmerksam machen muss

7. Sinn für Ironie

8. einen gemütlichen Abend mit einer köstlichen Flasche Wein, frischem,duftendem Brot mit knuspriger Kruste, einer leckeren Auswahl italienischer Antipasti und einem unterhaltsamen Gespräch mit Freunden „uf schwiizertüütsch“

9. den Zürichsee und die Limmat, oder anders gesagt: All die sauberen und wunderschönen Gewässer in der Schweiz, welche man ohne Bedenken bebaden kann

10. ... und „last but not least“ unsere Familien und Freunde, welche auch 1.3 Milliarden Chinesen nicht zu ersetzen vermochten


Was uns in der Schweiz wohl fehlen wird ...

1. die knüppelharte aber irgendwie doch wohltuende Behandlung durch unsere zwei äusserst liebenswerten, blinden Masseure

2. das hervorragende sichuanesische Essen in unserem bewährten „Luxus“- restaurant, wo man zu zweit für 15 Franken absolut gediegen diniert

3. die alten Leute in Mao-Kluft mit zu grossen, schräg sitzenden Hornbrillen in Pärken und auf öffentlichen Plätzen zu beobachten, welche ihren Lebensabend mit Karten spielen, Musizieren, Tanzen und Tratschen verbringen

4. knusprig angebratene Jiaozi; frische, saftige Ente und „Pommes Frites à la Sichuanoise“

5. auf dem Markt einzukaufen und all die exotischen Produkte zu betrachten und erschnuppern

6. ganze Nachmittage im Stadtpark zu verbringen, Jasmintee zu schlürfen und dabei fette Karpfen zu füttern

7. wildfremde Leute beim Smalltalk ungeniert nach ihrem Gehalt zu fragen

8. mit kleinen Geschenken riesige Freude zu bereiten

9. nach dem Einstandspreis eines Produktes zu fragen, vom Händler eine absurd hohe Zahl zu hören bekommen, die Antwort mit einem Lächeln zu quittieren, einen Bruchteildes Preises als Gegenvorschlag einzubringen, eine empörte Absage zur Kenntnis zu nehmen, uninteressiert davonzutrotten, ein aufgeregtes „OK,OK!“ hinterher gerufen zu bekommen und schliesslich mit dem womöglich noch immer überbezahlten) Objekt der Begierde und dem Gefühl eine Schlacht erfolgreich geschlagen zu haben, den Nachhauseweg anzutreten

10. die unzähligen Fragen unserer neugierigen Studenten über das geheimnisvolle
Leben im fernen Westen

Für Tina

Tina und Manja, unsere deutschen Freundinnen die ganz asiatisch zu Reisen gedenken („China in 13 Tagen“), kündigen ihren Besuch in MianYang an. Warum einen Abstecher nach MianYang machen, wenn man zwei Wochen Zeit hat für die wirklich grossen Touristenattraktionen in Hongkong, Chengdu, Xian und Beijing? Tina meint: „Ich wills mal in euren Blog schaffen!“ Was auch immer die wahren Gründe sind, wir buchen für unsere Freundinnen zwei Hotelübernachtungen im Campushotel, welches nur zwei Minuten von unserer Wohnung entfernt liegt und feuen uns riesig auf ihren Besuch. Doch bereits einen Tag später erkärt uns die Schuladministration, dass wir doch lieber in Downtown MianYang ein Hotel suchen sollten, sei es doch eine zu grosse gesundheitliche Gefahr für die Studenten, ausländische, mit grosser Wahrscheinlichkeit mit der Schweinegrippe infizierte Gäste, auf dem Campus zu haben. Wir erklären, dass die Situation in der Schweiz nicht sehr besorgniserregend sei und dass unsere Freunde über HongKong einreisen würden, eine Weltstadt mit Rang und Namen (das Argument zählt hier in der Provinz schon was!), wo man ja sowieso auf Herz und Nieren überprüft werde. Ja, man ist sich einig, dass somit kein Problem bestehe und man könne die Reservation unter diesen speziellen Umständen doch vornehmen. Am nächsten Tag lassen wir uns die Buchung noch einmal bestätigen. Klar, das Zimmer ist schon bereit, kein Problem, man habe das ja bereits diskutiert. Doch schon einen halben Tag später wird uns ausgerichtet, dass Miss Wang, die Parteisekretärin und oberste Entscheidungsinstanz der Schule, uns „vorschlage“ unsere Gäste doch Downtown unterzubringen. Wir fragen irritiert nach, was das Wort „suggest“ denn auf Chinesisch bedeute: Ist es eher gleichbedeutend mit „müssen/sollen“ oder mit „können/dürfen“? Kein Problem, wir hätte die absolute Wahl, „a suggestion“ sei wirklich nur ein gutgemeinter „Vorschlag“, also alles ganz freiwillig, allerdings sei das Hotel auf dem Campus im Moment nicht für Ausländer zugänglich. Wir entscheiden uns also freiwillig und ohne äusseren Druck, dass wir unsere Gäste nicht im Campus-Hotel unterbringen wollen. Als Nicht-Kommunisten sind wir aber nur wenig von Miss Wangs uneingeschränkter Macht beeindruckt und in Rage über diese lächerliche Massnahme (und andere angestaute administrative Ärgernisse) wollen wir mit dieser Dame selber sprechen, ja ihr einmal persönlich gegenübertreten! Mit unserer Chefin als Übersetzerin, selbst auch eine untergebene Parteiangehörige und Glaubensanhängerin der Frau Wang, suchen wir den Dialog mit der Parteichefin. Dieser kommt allerdings nie zu Stande, weil Miss Wang zur abgemachten Zeit dann doch nicht zum Gespräch erscheint. Allerdings hätte in Anbetracht ihrer Stellung an der Schule ein solches Treffen sowieso nie zu einem Dialog, geschweige denn zu einem Meinungsumschwung der Autoritäten führen können. Wir lassen der guten Dame aber ausrichten, dass wenn sie um die Gesundheit ihrer Studenten wirklich so besorgt sei, es da durchaus noch „room for improvement“ gäbe:

1. Man könnte die Toilettenanlagen der Schule mit Seifen ausstatten.
2. Es wäre doch möglich den Swimmingpool, wo täglich mindestens 600 Studenten Schwimmunterricht geniessen, mal reinigen zu lassen, so dass diese nicht gemeinsam mit Fröschen und anderen Tümpelbewohnern den Teich teilen müssten.
3. Wie wärs, wenn man das Spucken zumindest IM Klassenzimmer und WÄHREND der Schulstunde verbieten würde?

Auch wenn solch revolutionäre Ratschläge mit Sicherheit Frau Wang nie erreichen werden, so haben wir uns doch unseren Ärger von der Seele geredet. Danach geben wir klein bei und reservieren ein Zimmer im besten Hotel der Stadt, vergewissern uns noch einmal, dass Ausländer wirklich auch zugelassen seien und schreiben unseren Freundinnen scherzend, dass sie sich bei der Ankunft so gesund und normal wie möglich verhalten sollten.
Ein gutgemeinter Tipp, aber wie soll man gesund aussehen, wenn man sich in den klimatisierten Räumen von Hong Kong eine Erkältung geholt hat? Mit triefender Nase und überhöhter Temperatur wird Manja natürlich gleich bei ihrer Ankunft in Chengdu unter Quarantäne gestellt und Tina bekommt sofort einen Mundschutz verpasst. Wegen schlechtem Roaming können wir nur über das Handy des ausschliesslich chinesisch sprechenden Taxifahrers kommunizieren und finden erst nach einiger Zeit heraus, dass dieser bloss Tina nach MianYang fährt. Da zwischenzeitlich schon Mitternacht ist, bleibt uns nichts anderes, als uns mit der Situation abzufinden, dass Manja nun halt auf unbestimmte Zeit in Chengdu unter Quarantäne bleiben wird. Die „unbestimmte Zeit“ (in China zumeist eine eher längere Zeitspanne) beträgt dann zum Glück etwas weniger als 24 Stunden und endet mit der Übergabe eines „ich-habe-keine-Schweinegrippe-Zertifikats“. So können wir noch ganze zwei Tage zu viert verbringen, die wir uns dann ganz nett mit Massagen, Rikschafahrten, Sightseeingtouren und üppigen Mahlzeiten versüssen. Und endlich wiedermal Schweizerdeutsch sprechen! Tina versteht das jetzt nämlich!







Wenn die Erde bebt

Ungefähr eine Woche nachdem wir mutig den Arbeitsvertrag mit unserem Arbeitgeber in MianYang unterschrieben haben, erschüttert ein Erdbeben der Stärke 7.9 ganz China. Es werden mindestens 69‘227 Menschen getötet, 374.643 verletzt, 17.923 gelten als vermisst und 5.8 Millionen Menschen werden obdachlos (Stand Sept. 2008). Das Epizentrum, Beichuan, liegt nur etwa 100km von unserem Campus entfernt. Zuerst lassen wir unser Pläne fallen – nach MianYang wollen wir nicht mehr. Doch wie sich später herausstellt sind vor allem ländliche Gebiete verwüstet, die Häuser der Stadt konnten dem Beben standhalten und somit gibt’s für uns keinen Grund (und keine Ausrede) mehr von unserem Vorhaben abzulassen. Trotzdem müssen wir uns auf weitere Beben gefasst machen, verläuft doch die Grenze zwischen der eurasiatischen und indischen tektonischen Platte genau durch den nordwestlichen Rand des Sichuanbeckens, also durch MianYang.


Doch wieviele Erdbeben haben wir in diesem Jahr nun tatsächlich erlebt? Insgesamt gab es 10 grössere Beben, von welchen wir die eine Hälfte sehr gut gespürt, die andere wohl verschlafen haben.

4. Oktober 2008, Stärke 4.8
31. Oktober 2008, Stärke 4.8
7. Dezember 2008, Stärke 4.7
2. Januar 2009, Stärke 4.7
8. Februar 2009, Stärke 4.4
3. März 2009, Stärke 5
5. April 2009, Stärke 4.8
29. Juni 2009, Stärke 5.2
30. Juni 2009, Stärke 4.9
30. Juni 2009, Stärke 4.9

Acht von den zehn Erdbeben gehören in die Kategorie 4-5 auf der Richterskala (sichtbares Bewegen von Zimmergegenständen, Erschütterungsgeräusche, meist keine Schäden), jedoch haben wir auch zwei Beben der Stärke 5-6 gespürt (bei anfälligen Gebäude ernste Schäden, bei robusten Gebäuden leichte oder keine Schäden) und waren froh uns in einem „robusten“ Gebäude zu befinden. Besonders intensiv haben wir das Erdbeben vom 29. Juni mit der Stärke 5.2 erlebt, hats uns doch nachts um 2 Uhr so richtig aus dem Bett geschüttelt und auf dem Campus eine regelrechte Hysterie ausgelöst. Für die weniger ängstlichen Studenten wars auch eine gute Gelegenheit mitten in der Nacht Radau zu machen und mal eine Stunde lang rumzubrüllen ohne dafür bestraft zu werden.
Im Laufe des Jahres werden wir von unseren Studenten immer wieder gefragt, ob wir schon in Beichuan waren. Das vollkommen zerstörte und verlassene Beichuan ist in der Zwischenzeit zur Gedenkstätte für die Erdbebenopfer und noch mehr zu einer Touristenattraktion geworden, also ein Muss für jeden Sichuantouristen und somit für jeden Ausländer („die ja alle gerne reisen“). Man fährt im Touristencar hin, guckt sich den Ort der Verwüstung an, zündet ein Räucherstäbchen an und deckt sich mit Souvenirs ein. Diese reichen von vorher-nachher-Fotos der Stadt über 3-D- Aufnahmen von ins Katastrophengebiet eingeflogenen Staatsgrössen bis hin zu blutigen Rettungsfilmen. Eigentlich wollen wir nicht dahin, doch nachdem uns nach zehn Monaten die ethisch weniger verwerflichen Ausflugsziele rund um MianYang ausgegangen sind, beschliessen wir einen Ausflug in die Berge zu machen, was uns unweigerlich nach Beichuan führt. Einmal am historischen Ort angekommen, können auch wir unsere Neugier nicht mehr verstecken und suchen das „alte“ Beichuan auf.


Von dieser Terrasse hat man freie Sicht auf das zerstörte „alte“ Beichuan.


Und so siehts ein Jahr nach dem Erdbeben am Ort der Zerstörung aus.



Noch leben die Einwohner Beichuans in provisorischen Hütten, doch hier soll das“neue“ Beichuan aufgebaut werden.