10. Juli 2009

Wenn die Erde bebt

Ungefähr eine Woche nachdem wir mutig den Arbeitsvertrag mit unserem Arbeitgeber in MianYang unterschrieben haben, erschüttert ein Erdbeben der Stärke 7.9 ganz China. Es werden mindestens 69‘227 Menschen getötet, 374.643 verletzt, 17.923 gelten als vermisst und 5.8 Millionen Menschen werden obdachlos (Stand Sept. 2008). Das Epizentrum, Beichuan, liegt nur etwa 100km von unserem Campus entfernt. Zuerst lassen wir unser Pläne fallen – nach MianYang wollen wir nicht mehr. Doch wie sich später herausstellt sind vor allem ländliche Gebiete verwüstet, die Häuser der Stadt konnten dem Beben standhalten und somit gibt’s für uns keinen Grund (und keine Ausrede) mehr von unserem Vorhaben abzulassen. Trotzdem müssen wir uns auf weitere Beben gefasst machen, verläuft doch die Grenze zwischen der eurasiatischen und indischen tektonischen Platte genau durch den nordwestlichen Rand des Sichuanbeckens, also durch MianYang.


Doch wieviele Erdbeben haben wir in diesem Jahr nun tatsächlich erlebt? Insgesamt gab es 10 grössere Beben, von welchen wir die eine Hälfte sehr gut gespürt, die andere wohl verschlafen haben.

4. Oktober 2008, Stärke 4.8
31. Oktober 2008, Stärke 4.8
7. Dezember 2008, Stärke 4.7
2. Januar 2009, Stärke 4.7
8. Februar 2009, Stärke 4.4
3. März 2009, Stärke 5
5. April 2009, Stärke 4.8
29. Juni 2009, Stärke 5.2
30. Juni 2009, Stärke 4.9
30. Juni 2009, Stärke 4.9

Acht von den zehn Erdbeben gehören in die Kategorie 4-5 auf der Richterskala (sichtbares Bewegen von Zimmergegenständen, Erschütterungsgeräusche, meist keine Schäden), jedoch haben wir auch zwei Beben der Stärke 5-6 gespürt (bei anfälligen Gebäude ernste Schäden, bei robusten Gebäuden leichte oder keine Schäden) und waren froh uns in einem „robusten“ Gebäude zu befinden. Besonders intensiv haben wir das Erdbeben vom 29. Juni mit der Stärke 5.2 erlebt, hats uns doch nachts um 2 Uhr so richtig aus dem Bett geschüttelt und auf dem Campus eine regelrechte Hysterie ausgelöst. Für die weniger ängstlichen Studenten wars auch eine gute Gelegenheit mitten in der Nacht Radau zu machen und mal eine Stunde lang rumzubrüllen ohne dafür bestraft zu werden.
Im Laufe des Jahres werden wir von unseren Studenten immer wieder gefragt, ob wir schon in Beichuan waren. Das vollkommen zerstörte und verlassene Beichuan ist in der Zwischenzeit zur Gedenkstätte für die Erdbebenopfer und noch mehr zu einer Touristenattraktion geworden, also ein Muss für jeden Sichuantouristen und somit für jeden Ausländer („die ja alle gerne reisen“). Man fährt im Touristencar hin, guckt sich den Ort der Verwüstung an, zündet ein Räucherstäbchen an und deckt sich mit Souvenirs ein. Diese reichen von vorher-nachher-Fotos der Stadt über 3-D- Aufnahmen von ins Katastrophengebiet eingeflogenen Staatsgrössen bis hin zu blutigen Rettungsfilmen. Eigentlich wollen wir nicht dahin, doch nachdem uns nach zehn Monaten die ethisch weniger verwerflichen Ausflugsziele rund um MianYang ausgegangen sind, beschliessen wir einen Ausflug in die Berge zu machen, was uns unweigerlich nach Beichuan führt. Einmal am historischen Ort angekommen, können auch wir unsere Neugier nicht mehr verstecken und suchen das „alte“ Beichuan auf.


Von dieser Terrasse hat man freie Sicht auf das zerstörte „alte“ Beichuan.


Und so siehts ein Jahr nach dem Erdbeben am Ort der Zerstörung aus.



Noch leben die Einwohner Beichuans in provisorischen Hütten, doch hier soll das“neue“ Beichuan aufgebaut werden.

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