19. April 2009

Das Wandern ist des Müllers Lust

Nach einer ersten Wanderung "auf Abwegen" (siehe Archiv) sind wir auf den Geschmack gekommen: Wir fahren also an einem Samstag mit dem Lokalbus los und enden nach einer Stunde vor den Toren der Stadt in einem kleinen, staubigen Kaff. Eine Wanderkarte von der Gegend konnten wir leider nicht auftreiben und so lassen wir uns eben vom Kompass Richtung Osten leiten. Stundenlang marschieren wir querfeldein durchs hügelige und landwirtschaftlich intensiv genutzte Sichuanbecken. Falls möglich machen wir jeweils einen grossen Bogen um Häuser, da diese zumeist von kläffenden und zähnefletschenden Hofhunden bewacht werden.
Im Gegensatz zu ihren Kötern ist die ländliche Bevölkerung jedoch unendlich freundlich, hilfsbereit und vorallem neugierig. Wo immer wir vorbeikommen wird die Feldarbeit niedergelegt und innert Kürze umringt uns eine Bauernsippe mit grossen Augen und offenen Mündern: Ein "laowai" (Ausländer) in dieser Gegend hat sich mit Sicherheit völlig verirrt und steht vermutlich kurz vor dem Erschöpfungstod. Entsprechend schwierig ist es, ihnen beizubringen, dass wir nicht auf den nächsten Bus zurück in die sichere Stadt aufspringen wollen, sondern auf der Suche nach einer Unterkunft für die Nacht sind. Schlussendlich bietet uns der Betreiber eines Majiang-Lokals ein Zimmer mit Halbpension für 5 Franken an. Wir nehmen dankend an und schlafen, nach dem Vertilgen einer faden Nudelsuppe und einer Runde Majiang mit dem Bauern und seiner Frau, auf der beinharten Holzplanke schleunigst ein...
Aufgeweckt vom Geknatter vorbeituckernder Zweitakter und dem Knurren unseres Magens begeben wir uns an den Frühstückstisch, wo bereits eine riesige Schüssel Porridge, 10-Minuten-Eier sowie Mostbröckli, welche sich später als Stierhoden entpuppen, bereit stehen. Derart gestärkt machen wir uns auf die 2. Etappe...

1. April 2009

Studentenleben vs. Studenten leben

Lustig ist das Studentenleben! Gerade auch aus einer rückblickenden Perspektive (und ohne Prüfungsdruck) betrachtet ist dieser Lebensabschnitt für viele von uns der Inbegriff vom Schlaraffenland: ausufernde Parties nach bestandener Prüfung, wilde WG-Parties zwischen Prüfungen, etwas gedämpftere „ich-muss-mal-abschalten“-Parties vor Prüfungen, Alkohol bis zum Abwinken, Kater beim Aufstehen, unkonventionelles Zusammenleben in Wohngemeinschaften, im Lichthof Zeitung lesen, auf der Terrasse Kaffee trinken, Dienstagmorgen am See, Mittwoch Nachmittag in der renommierten Unternehmung einen lockeren Teilzeitjob schieben, dabei Geld zum Reisen anhäufen, dumm schwatzen und sich dabei furchtbar gescheit vorkommen…

Immer wieder werden wir von den Studenten gefragt, wie denn das Studentenleben in der Schweiz sei. „Anders“, sagen wir und bemitleiden sie insgeheim.

Jeden Sonntagabend, nachdem wir unsere Lektionen für die kommende Arbeitswoche vorbereitet und es uns in unserer Wohnung gemütlich gemacht haben, fliesst ein nicht abbrechen wollender Strom von 2‘000 Studenten an unser Wohnung vorbei in eines der drei Schulgebäude des College. Der Umzug erinnert ein Bisschen an „Zweierreiheli“ mit „Chindsgistreife“ oder „Räbeliechtliumzug“ und wir schauen dem Treiben mitleidig zu, denn wir wissen, was sie erwartet. Im Schulzimmer wird ein Mentor, eine Mischung aus Kindermädchen und Sorgenonkel, die Studenten empfangen um zu kontrollieren, ob nach dem Wochenende alle Schüler wieder auf dem Campus eingetroffen sind. Gleichzeitig übernimmt der Mentor die Rolle eines strengen Erziehers, der Diskussionen zu den Themen „Computerspiele sind gefährlich, weil sie süchtig machen“ und „um ein seriöser Student zu sein, sollte ich auf dem Campus kein Boy- oder Girldfriend haben“ anreisst und entsprechend einseitig moderiert. Natürlich finden diese „Moralpredigten“ jeweils vor 23 Uhr statt, denn nach besagter Stunde, muss sich jeder Student mit seinen drei Zimmergenossen im sicheren Schlafsaal einfinden, was natürlich täglich überprüft wird. Kontrolliert wird selbstverständlich auch, dass beim Verlassen und Betreten des Campusgeländes immer mit einem Badge ein- beziehungsweise ausgecheckt wird, und wir sorgen dafür, dass die Schüler pro Semester nicht mehr als zweimal in derselben Vorlesung fehlen.

Es ist wohl überflüssig zu erwähnen, dass ein Knabe das Mädchenwohnhaus nicht betreten kann, es sei denn er sei der gefitzte Computernetzwerkverantwortliche, der ein technisches Problem in den Mädchenschlägen vorgibt. Wir als Lehrer dürfen unsere Studenten besuchen (auch wenn's umgekehrt seit kurzem aus Angst vor subversiven Aktivitäten gegen höhere Institutionen verboten ist), man muss sich lediglich beim Wachposten im 1. Stock in eine Liste eintragen. Die Studentenhäuser sind äusserst sauber, denn jeden Mittwochabend prüft eine Studentenpatrouille die Zimmer auf Ordentlichkeit und Sauberkeit. Wehe dem, der sein Plätzchen nicht sauberhält: jedes Zimmer wird wöchentlich bewertet und wer zu wenige Punkte erreicht, wird namentlich auf dem Schwarzen Brett im 1. Stock des Gebäudes erwähnt. Zu viele Strafpunkte können einen Schulverweis zur Folge haben, auf jeden Fall aber einen „Gesichtsverlust“.

Die Studentenwohnräume sind schlicht und praktisch eingerichtet, aber gar nicht so unkomfortabel wie wir es uns ausgemalt haben. Es sei denn, man hat kein Geld um sich einen eigenen Warmwasserboiler zu installieren. Die Kaltwasserdusche befindet sich nämlich auf dem Balkon, was in den kalten Wintermonaten eine wahre Tortour sein muss. Einige Studenten haben es sich mit selbst genähten Vorhängen, Plüschtieren und Scherenschnitten ganz gemütlich gemacht, auch wenn sich ihre Dekorationsvorlieben vielleicht nicht so mit dem Geschmack gleichaltriger Europäer überschneiden.


Gerade weil man ja um 23.00 Uhr im Zimmer sein muss, wäre es doch verlockend zu viert eine Runde Karten zu spielen oder im Internet zu surfen, aber genau das ist nicht möglich, weil ja Kartenspielen zwingend und unmittelbar mit dem illegalen Glücksspiel zusammenhängt und deshalb in jeder Form untersagt werden muss und weil der Internetzugang ab 23.00 Uhr gekappt wird - muss man doch die Studenten vor der oben erwähnten gefährlichen Spielsucht bewahren! Doch auch an den langen Abenden am Wochenende gibt’s nicht viel an Unterhaltung in der Gegend, oder zumindest nicht an Unterhaltung im westlichen Sinne. Die einzige Bar im Umkreis von mehreren Kilometern ist selbst am Freitagabend und mit einem potentiellen Kundenkreis von 9‘000 durstigen Studenten total ausgestorben. Wo stecken die Studenten denn alle? Wir haben Karaokelokale, Basketballplätze, PingPong-Räume und Internetkaffees als beliebte Freizeitlokationen entlarvt. Wir haben sogar munkeln gehört, dass es in der Nachbarschaft für die etwas risikofreudigeren und ungezügelteren Studenten ein Stundenhotel geben soll und von den vielen illegalen Spielhöllen, wo Mahjiang und Poker gespielt wird, sind wir auch selbst schon Augenzeugen geworden.

Trotzdem halten sich wohl die meisten Studenten an die gesetzlich erlaubten Vergnügungsmöglichkeiten und verbringen ihre Freizeit recht passiv, wenn nicht sogar krankhaft apathisch mit Schlafen, Essen und DVD gucken. So ist ein gemeinsamer Klassenausflug in den Park schon eher ein grosses Ereignis, dass von langer Hand vorbereitet sein will und auch noch lange nachhallt. Wir sind auf einen solchen Klassenausflug eingeladen worden und wissen nun, was für unsere Studenten eine beliebte Alternative zum Karaokesingen darstellt: Kreisspiele à la „de Fuchs gaht ume“ und „Blindekuh“ ziehen unsere zwanzigjährigen Studenten total in ihren Bann. Vielleicht sollte der ASVZ auch mal „Ringelringelreihe im Platzspitz“ oder „Häschen in der Grube im Irchelpark“ ins Freizeitprogramm der Uni Zürich aufnehmen?