29. Dezember 2008

400 Marketingprüfungen korrigieren, Noten manipulieren – dann Ferien zelebrieren!!














Bekanntlich haben Lehrer viele Ferientage – das scheint glücklicherweise ein internationales Privileg dieser Berufsgruppe zu sein. Doch bevor wir den Campus hier Ende Semester verlassen dürfen, müssen wir noch eine Kleinigkeit erledigen: Ein Heer von 600 nahezu anonymen Studenten soll fair und transparent auf einer Skala von 0 bis 100 Prozent beurteilt werden, wobei 60 Prozent die Grenze zur genügenden Note darstellt.

Fürs „Oral English“ führt Thomas hierzu mit sämtlichen 200 Studenten ein je fünfminütiges Gespräch durch… das macht also 1000 Minuten Small Talk basierend auf einem Basisvokabular von höchstens ebensovielen Worten. Dies reduziert mögliche Gesprächsthemen relativ stark: „What did you do last weekend?“ – „Computer and I like sleeping also.“ Oder: „Tell me more about your family, please.“ – „I live with my father in a house. She is a farmer - längeres Schweigen – Sorry Sir, my English is so poor!“ Unserer Meinung nach ein recht bescheidenes Level nach sechs Jahren Englischunterricht, doch nach Vorgabe der Schule dürfen maximal 10% der Schüler eine ungenügende Note erhalten und 30% müssen einen sehr guten Wert über 85% erreichen. Somit lässt Thomas Gnade vor Recht walten und kneifft bei der Beurteilung beide Augen (und Ohren) zu.

Da bietet die Marketingprüfung, basierend auf einem 400-seitigen Lehrbuch doch einiges mehr an zu prüfendem Inhalt. Dieselben Studenten, welche mit ihren „Oral English“-Lehrern Small Talk geübt haben und nun wissen sollten wie man einfache alltägliche Situationen meistern kann, müssen nun in derselben Woche beweisen, dass sie auch anspruchsvolle Marketingstrategien auf Englisch verstehen und diese in der Wirtschaftssprache wiedergeben können. Hochgesteckte Ziele für ein drittklassiges College in Sichuan! Kurz nachdem die von einer externen Unternehmung erstellte Prüfung von den Schülern gelöst wurde, wird Andrea auch gleich ihr Anteil von 400 Prüfungen übergeben. Dank der kostenlosen Unterstützung durch drei Studentinnen („We see it as our duty to help you. We don’t take money from friends!“) und einem Sondereffort von unserer Seite, sind die Prüfungen 18 Stunden später vollständig korrigiert – das Resultat ist ernüchternd! Beispiele gefällig?

Frage: „Compare the traditional 4Ps with the current 4Cs of Marketing.“
Korrekte Antwort: „4Ps (Product, Price, Place, Promotion); 4Cs (Costumer Solution, Cost, Convenience, Communication). Nowadays, the focus is rather on the customer side…“
Verzweifelte Schülerantwort: „The PS is an old game. One or two people can play it. The CS is for more people, many students like playing it. Today more people play the CS than the PS, because the PS is more expensive.“

Eine naheliegende Idee, wenn man jede Nacht stundenlang Counterstrike (CS) spielt und schon immer gerne eine eigene Playstation (PS) gehabt hätte.

Einige Schüler sind zu wenig gerissen, um ihr Unwissen derart geschickt zu kaschieren. Antwort einer Schülerin auf dieselbe Frage: „Dear teacher, I am so sorry. I have troubles to say the answer to this question. I feel it too difficulty. But I promise, I’ve really gone over the book. Please believe me. May God bless you!!!“

Eine solch herzerweichende Entschuldigung, wurde denn auch grosszügig mit Bonuspunkten belohnt, denn eine zunächst errechnete Durchfallquote von 95% wäre von der Schulleitung keinesfalls genehmigt worden. Nach Verdoppelung der Punktzahl und zusätzlichem Feintuning der Noten, können wir nun stolz verkünden, dass 95% von Andreas Studenten die Marketingprüfung mit Bravour bestanden haben!

Wir hoffen, dass auch ihr das Jahr 2008 derart erfolgreich abschliessen könnt und wünschen Euch einen guten Rutsch ins Jahr des Goldenen Ochsen.

Vielen Dank an die treue Leserschaft. Wir melden uns im 2009 mit neuen Berichten von unserer Reise nach Shanghai, Guilin, Hong Kong, Macao und Hainan zurück…

Andrea & Thomas

„Die beste Armee der Welt“














Hab in der Ferne vernommen, dass in der guten alten Heimat der frisch gewählte General mit dem Strohhalm im Mundwinkel mit der Ambition antrete, die Schweizer Ferienlegion zur schlagkräftigsten Truppe des Planeten umzugestalten. Als Angehöriger derselbigen muss ich sagen: „Potzblitz und Hut ab vor derart hochgesteckten Zielen.“ Aber bei diesem Vorhaben könnte dem Herrn wohl noch das eine oder andere graue Haar auf der Glatze spriessen. Klar, in Sachen Tarnung macht uns keiner was vor: Nur das äusserst geübte Feindesauge ist in der Lage, einen jassenden AdA in Badehose von einem Zivilisten zu unterscheiden. Doch in Sachen Entschlossenheit, Durchhaltevermögen und Willen zur Selbstaufopferung muss da noch ein „bitzeli öppis“ ändern, bevor wir uns mit dem militärischen Superlativ schmücken können.

Beispielsweise das Überflügeln der Chineslein auf dem Weg an die Spitze dürfte wohl nicht allzu leicht werden. Das ist natürlich rein quanitativ ein unstatthafter Vergleich, aber auch im waffenlosen Kampf Mann gegen Mann sehe ich da gewisse Nachteile auf Schweizer Seite.



Da möchte ich also nicht losgeschickt werden, wenn die auf der Gegenseite den Holzhacker ins Spiel bringen! Solche Dokumentationen laufen hier übrigens 24 Stunden am Tag auf dem eigens für die Armee bereitgestellten Staatskanal. Da kann man zum Beispiel mitverfolgen, wie chinesische Fregatten somalische Piraten jagen oder dem Panzerkommandanten über Zuschauertelefon Fragen zu den neuesten Entwicklungen im Bereich Kanonenrohre stellen. Das wär vielleicht auch ein Input für’s VBS: Ein SF3 für die tollsten Armeeclips würde die Wahrnehmung dieser Institution in der Bevölkerung mit Sicherheit nachhaltig verbessern. Derzeit beweisen einzig ein paar Streifen auf Youtube, dass wir zumindest in einem Fussballänderspiel gegen das chinesische Volksheer dank dem alljährlichen dreiwöchigen Trainingslager eine reelle Chance hätten.



In diesem Sinne: "Mäld mi ab!"

4. Dezember 2008

Wurstsaison - Besuch auf dem Markt

Marktplätze in China sind wunderbare Gebiete für Entdeckungsreisen und Fotosafaris. Nicht immer ist alles allzu appetitlich anzuschauen, doch je absurder und ekliger desto spannender. Die Gemüseabteilung ist noch harmlos, doch auch hier stossen wir immer wieder auf Unbekanntes: Rote Karotten, faustgrosse Radiesli und Dutzende von nie gesehenen Pilzarten.
Gleich daneben das Paradies für alle Karnivoren, die auch einmal über den Rand von Filet und Steak hinaussäbeln möchten. Beim Schlachten gibt es hier prinzipiell keine Abfälle; Chinesen essen alles! Vom knackigen Ringelschwänzchen, über Knusperöhrchen und saftige Schweineschnauze sowie paarweise zu erstehenden Schweinefüssen, bis hin zu sämtlichen Organen, welche so ein Tier hergibt, ist alles in der Auslage zu finden. Und auch der ältere Herr im blauen Arbeitsgewand, welcher gerade sorgfältig einen ganzen Saukopf auf den Gepäckträger seines Velos schnallt, scheint mit seinem Kauf sehr zufrieden.
Da wir uns bezüglich der Zubereitung von Leber, Niere und Konsorten nicht ganz schlüssig sind, entscheiden wir uns letztendlich für eine schlichte Wurst "à la Sichuanois" - da weiss man was man hat. Schliesslich lässt sich der vollständige Produktionsprozess auf kleinstem Raum mitverfolgen:

"Verspürt Herr Li Lust auf eine anständige Bauernbratwurst, so begibt er sich zunächst zum Stand von Bauer Wang und Frau, wo er 3 Meter gesalzenen Darm kauft. Bevor das Geschäft jedoch zum Abschluss kommt, wird das Produkt einer knallharten Qualitätskontrolle unterzogen. Diese Nische nutzt Frau Zhang mit ihrer Handpumpe an der Ecke gegenüber: Der Darm wird also wie ein Luftballon aufgeblasen und auf allfällige Löcher geprüft. Mit dem soeben erstandenen Darm begibt sich Herr Li dann zu Metzgermeister Liu, welcher ihm 5 Kilo von seiner Lieblingswurstmischung verkauft. Mit Därmen und Füllung wechselt er sogleich zur mobilen Metzgerei der Familie Chen. Diese besitzt ein handbetriebenes "Wurschtmaschineli", so eine Art Fleischwolf, und füllt Herrn Li nun seine massgeschneiderte Wurst ab. Wieder zu Hause hängt Herr Li seine Jagdtrophäe in den Vorratsschrank, welcher sich vor seinem Fenster befindet und freut sich auf ein deftiges Znacht."

Allfällige Übereinstimmungen obig genannter Charaktere mit realen Personen sind nicht beabsichtigt aber dennoch einigermassen wahrscheinlich. Denn die Namen Li, Wang, Zhang, Liu sowie Chen sind die fünf häufigsten chinsischen Familiennamen. Zwischen 7.5% (Li) und 6% (Chen) der Bevölkerung verteilen sich auf diese fünf Namen; was in absoluten Zahlen heisst, dass jeweils gegen 100 Millionen Menschen denselben Namen tragen. Die 130 häufigsten Familiennamen Chinas machen gar einen Anteil von 87% an der Gesamtbevölkerung aus. Da erstaunt kaum, dass China vor zirka 5'000 Jahren als eines der ersten Länder Vornamen einführte.




3. Dezember 2008

Aliens in Suinin

Die Primarschule in Suinin plant einen „International Day“, was bedeutet, dass heute mal nicht das Land der Mitte im Zentrum stehen soll, nein, andere Nationen und sogar echte Ausländer wollen sie den Kindern als Höhepunkt der Veranstaltung vorstellen. Da in der Provinzstadt aber nur Chinesen arbeiten, muss da sofort etwas unternommen werden und „Daniel“, der Schulleiter, lässt gleich seine wertvollen Kontakte („guanxi“ ein wichtiger Kit in der asiatischen Gesellschaft) spielen. Ein paar Telefonate und „ganbei“ (trockne das Glas!) später hat er schon ein Versprechen von Ralph unserem Lehrerkollegen in der Tasche und kann mit fünf Prachtsexemplaren von Ausländern auftrumpfen. Für den Grossanlass werden wir um 7 Uhr morgens persönlich vom Schulleiter in unserer Schule abgeholt. Die dreistündige Fahrt nach Suinin ist aber eher eine Tortur denn ein Sonntagsausflug, denn Thomas kann im japanischen Wagen nicht mal aufrecht sitzen und muss den Kopf immer leicht schief halten und Andrea findet die Fahrt hinten in der Mitte auf dem „Schleudersitz“ eher zu prickelnd, nachdem drei Totalschäden die Strasse nach Suinin säumen.
Gegen halb elf stehen wir auf der Bühne des Sportplatzes der Schule und gucken auf ein Meer von 700 Kindern im Alter von 5-11 Jahren herab. Obwohl sie aufgereiht sind wie Soldaten vor einer grossen Schlacht, vermitteln sie in ihren farbigen Klamotten doch einen sehr ungeordneten und lebendigen Eindruck. Wir werden vom Schulleiter auf Englisch begrüsst und damit auch die Knöpfe etwas verstehen, wird alles gleich in eine schulinterne „Gebärdensprache“ übersetzt (unserer Meinung nach eine didaktische Meisterleistung), so dass die Kinder die wichtigsten Punkte mitbekommen. Und auf Befehl geht’s los: Wir werden mit einem sehr asynchronen, lauten Sprechgesang mit dazugehörigem Tanz begrüsst und die 700 Kinder wirbeln nur noch so herum, dass es einem wirklich warm ums Herz wird.



Danach stellen wir fünf Ausländer uns übers Mikrophon vor, ein bisschen unbeholfen, weil uns nicht klar ist, wieviel die Kids nun eigentlich verstehen (und in Gedanken an unsere eigenen Studenten halten wir unsere Rede wohl eher zu einfach). Danach dürfen wir Plakate mit englischen Worten hochheben, so dass die Schüler uns beweisen können, dass sie in der Schule wirklich buchstabieren und lesen lernen. Auch wenn wir von dem Geschrei nichts verstehen, die Lautstärke und die Inbrunst mit der uns geantwortet wird ist uns Beweis genug.

Aber die Schule hat noch mehr Unterhaltung auf Lager. Nach dem Einwärmen der Kinderstimmen, geht es nun wirklich an die Arbeit. Die Schule hat diverse Posten vorbereitet, wo Themen wie Tiere, Länder und Wochentage abgehandelt werden sollen. An den Posten soll es dann jeweils Spielvorschläge geben und wir dürfen uns einfach an einen beliebigen Posten begeben und mit den Kindern „spielen“, was hier gleichbedeutend ist mit „lernen“. Wir sind positiv überrascht, tönt doch alles sehr strukturiert, didaktisch durchdacht und wohl vorbereitet. Dann aber die erschreckende Wahrheit: die Anzahl der Posten beträgt – und es sind immer noch 700 Kinder - fünf!!! Hätten wir das gewusst, wären wir wahrscheinlich vor unserem grossen Auftritt doch ein bisschen nervös gewesen. Noch vor dem offiziellen Startschuss stürzen sich also auf jeden Lehrer etwa 140 Kinder, darunter etliche, welche noch nie zuvor einen „laowai“ (alter/weiser Fremder) zu Gesicht bekommen haben, was die Aufregung natürlich noch verstärkt. Thomas Körperbehaarung an Armen und im Gesicht gibt dann doch Anlass, ihn an besagten Stellen handgreiflich zu untersuchen, aber auch lange Fingernägel und blasse Haut sind eine Attraktion. Man rückt uns also im wörtlichen Sinne auf den Leib.

Zeitweise sind wir ehrlich um das Wohlergehen der Schüler besorgt, denn wenn 140 kleine Menschen einem umringen und man wagt einen Schritt in die eine Richtung, dann fallen dort zwangsläufig gleich ein, zwei Duzend zusammen um. Glücklicherweise gibts keine Unfälle, aber es ist wohl überflüssig zu erwähnen, dass diese Umstände nicht gerade ein ideales Umfeld zum „Spielen“ garantieren. Gut, immerhin sind wir gross und können die Lage überschauen und mit Hilfe der Englischlehrerinnen läuft alles noch glimpflich ab. Bis zu dem Zeitpunkt wo ein Kind ein Autogramm von uns will. Kaum wird das Papier von allen Lehrern unterschrieben, weckt das in den 699 kleinen Kollegen des Trendsetters den Wunsch, auch über dieselben Unterschriften zu verfügen. Plötzlich werden wir von Papier und Stiften umringt und das Gedränge ist so gross, dass wir anordnen müssen, dass man unsere Unterschrift nur erlangen kann, wenn man brav Schlange steht (früh genug trainiert können das ja eventuell auch Chinesen lernen?).
Wir geniessen die Stunde im Gewühl und sind erstaunt darüber, dass einige Kinder bereits besser Englisch sprechen als unsere 18-jährigen Freshmen. Trotzdem sind wir nach unserem Auftritt froh, dass unser Job für heute erledigt ist und wir die Schule wieder verlassen dürfen. Zum Dank erhalten wir von der Schulleitung eine Gage für den Auftritt, werden ins beste Restaurant der Stadt ausgeführt und dann noch mit einem Ausflug zum nahegelegenen Tempel belohnt. Ein gelungener Tag und eine schöne Erinnerung, wenn man von der Rückfahrt nach Mianyang absieht…