4. Dezember 2008

Wurstsaison - Besuch auf dem Markt

Marktplätze in China sind wunderbare Gebiete für Entdeckungsreisen und Fotosafaris. Nicht immer ist alles allzu appetitlich anzuschauen, doch je absurder und ekliger desto spannender. Die Gemüseabteilung ist noch harmlos, doch auch hier stossen wir immer wieder auf Unbekanntes: Rote Karotten, faustgrosse Radiesli und Dutzende von nie gesehenen Pilzarten.
Gleich daneben das Paradies für alle Karnivoren, die auch einmal über den Rand von Filet und Steak hinaussäbeln möchten. Beim Schlachten gibt es hier prinzipiell keine Abfälle; Chinesen essen alles! Vom knackigen Ringelschwänzchen, über Knusperöhrchen und saftige Schweineschnauze sowie paarweise zu erstehenden Schweinefüssen, bis hin zu sämtlichen Organen, welche so ein Tier hergibt, ist alles in der Auslage zu finden. Und auch der ältere Herr im blauen Arbeitsgewand, welcher gerade sorgfältig einen ganzen Saukopf auf den Gepäckträger seines Velos schnallt, scheint mit seinem Kauf sehr zufrieden.
Da wir uns bezüglich der Zubereitung von Leber, Niere und Konsorten nicht ganz schlüssig sind, entscheiden wir uns letztendlich für eine schlichte Wurst "à la Sichuanois" - da weiss man was man hat. Schliesslich lässt sich der vollständige Produktionsprozess auf kleinstem Raum mitverfolgen:

"Verspürt Herr Li Lust auf eine anständige Bauernbratwurst, so begibt er sich zunächst zum Stand von Bauer Wang und Frau, wo er 3 Meter gesalzenen Darm kauft. Bevor das Geschäft jedoch zum Abschluss kommt, wird das Produkt einer knallharten Qualitätskontrolle unterzogen. Diese Nische nutzt Frau Zhang mit ihrer Handpumpe an der Ecke gegenüber: Der Darm wird also wie ein Luftballon aufgeblasen und auf allfällige Löcher geprüft. Mit dem soeben erstandenen Darm begibt sich Herr Li dann zu Metzgermeister Liu, welcher ihm 5 Kilo von seiner Lieblingswurstmischung verkauft. Mit Därmen und Füllung wechselt er sogleich zur mobilen Metzgerei der Familie Chen. Diese besitzt ein handbetriebenes "Wurschtmaschineli", so eine Art Fleischwolf, und füllt Herrn Li nun seine massgeschneiderte Wurst ab. Wieder zu Hause hängt Herr Li seine Jagdtrophäe in den Vorratsschrank, welcher sich vor seinem Fenster befindet und freut sich auf ein deftiges Znacht."

Allfällige Übereinstimmungen obig genannter Charaktere mit realen Personen sind nicht beabsichtigt aber dennoch einigermassen wahrscheinlich. Denn die Namen Li, Wang, Zhang, Liu sowie Chen sind die fünf häufigsten chinsischen Familiennamen. Zwischen 7.5% (Li) und 6% (Chen) der Bevölkerung verteilen sich auf diese fünf Namen; was in absoluten Zahlen heisst, dass jeweils gegen 100 Millionen Menschen denselben Namen tragen. Die 130 häufigsten Familiennamen Chinas machen gar einen Anteil von 87% an der Gesamtbevölkerung aus. Da erstaunt kaum, dass China vor zirka 5'000 Jahren als eines der ersten Länder Vornamen einführte.




Keine Kommentare: