Die Primarschule in Suinin plant einen „International Day“, was bedeutet, dass heute mal nicht das Land der Mitte im Zentrum stehen soll, nein, andere Nationen und sogar echte Ausländer wollen sie den Kindern als Höhepunkt der Veranstaltung vorstellen. Da in der Provinzstadt aber nur Chinesen arbeiten, muss da sofort etwas unternommen werden und „Daniel“, der Schulleiter, lässt gleich seine wertvollen Kontakte („guanxi“ ein wichtiger Kit in der asiatischen Gesellschaft) spielen. Ein paar Telefonate und „ganbei“ (trockne das Glas!) später hat er schon ein Versprechen von Ralph unserem Lehrerkollegen in der Tasche und kann mit fünf Prachtsexemplaren von Ausländern auftrumpfen. Für den Grossanlass werden wir um 7 Uhr morgens persönlich vom Schulleiter in unserer Schule abgeholt. Die dreistündige Fahrt nach Suinin ist aber eher eine Tortur denn ein Sonntagsausflug, denn Thomas kann im japanischen Wagen nicht mal aufrecht sitzen und muss den Kopf immer leicht schief halten und Andrea findet die Fahrt hinten in der Mitte auf dem „Schleudersitz“ eher zu prickelnd, nachdem drei Totalschäden die Strasse nach Suinin säumen. Gegen halb elf stehen wir auf der Bühne des Sportplatzes der Schule und gucken auf ein Meer von 700 Kindern im Alter von 5-11 Jahren herab. Obwohl sie aufgereiht sind wie Soldaten vor einer grossen Schlacht, vermitteln sie in ihren farbigen Klamotten doch einen sehr ungeordneten und lebendigen Eindruck. Wir werden vom Schulleiter auf Englisch begrüsst und damit auch die Knöpfe etwas verstehen, wird alles gleich in eine schulinterne „Gebärdensprache“ übersetzt (unserer Meinung nach eine didaktische Meisterleistung), so dass die Kinder die wichtigsten Punkte mitbekommen. Und auf Befehl geht’s los: Wir werden mit einem sehr asynchronen, lauten Sprechgesang mit dazugehörigem Tanz begrüsst und die 700 Kinder wirbeln nur noch so herum, dass es einem wirklich warm ums Herz wird.
Danach stellen wir fünf Ausländer uns übers Mikrophon vor, ein bisschen unbeholfen, weil uns nicht klar ist, wieviel die Kids nun eigentlich verstehen (und in Gedanken an unsere eigenen Studenten halten wir unsere Rede wohl eher zu einfach). Danach dürfen wir Plakate mit englischen Worten hochheben, so dass die Schüler uns beweisen können, dass sie in der Schule wirklich buchstabieren und lesen lernen. Auch wenn wir von dem Geschrei nichts verstehen, die Lautstärke und die Inbrunst mit der uns geantwortet wird ist uns Beweis genug.
Aber die Schule hat noch mehr Unterhaltung auf Lager. Nach dem Einwärmen der Kinderstimmen, geht es nun wirklich an die Arbeit. Die Schule hat diverse Posten vorbereitet, wo Themen wie Tiere, Länder und Wochentage abgehandelt werden sollen. An den Posten soll es dann jeweils Spielvorschläge geben und wir dürfen uns einfach an einen beliebigen Posten begeben und mit den Kindern „spielen“, was hier gleichbedeutend ist mit „lernen“. Wir sind positiv überrascht, tönt doch alles sehr strukturiert, didaktisch durchdacht und wohl vorbereitet. Dann aber die erschreckende Wahrheit: die Anzahl der Posten beträgt – und es sind immer noch 700 Kinder - fünf!!! Hätten wir das gewusst, wären wir wahrscheinlich vor unserem grossen Auftritt doch ein bisschen nervös gewesen. Noch vor dem offiziellen Startschuss stürzen sich also auf jeden Lehrer etwa 140 Kinder, darunter etliche, welche noch nie zuvor einen „laowai“ (alter/weiser Fremder) zu Gesicht bekommen haben, was die Aufregung natürlich noch verstärkt. Thomas Körperbehaarung an Armen und im Gesicht gibt dann doch Anlass, ihn an besagten Stellen handgreiflich zu untersuchen, aber auch lange Fingernägel und blasse Haut sind eine Attraktion. Man rückt uns also im wörtlichen Sinne auf den Leib.
Zeitweise sind wir ehrlich um das Wohlergehen der Schüler besorgt, denn wenn 140 kleine Menschen einem umringen und man wagt einen Schritt in die eine Richtung, dann fallen dort zwangsläufig gleich ein, zwei Duzend zusammen um. Glücklicherweise gibts keine Unfälle, aber es ist wohl überflüssig zu erwähnen, dass diese Umstände nicht gerade ein ideales Umfeld zum „Spielen“ garantieren. Gut, immerhin sind wir gross und können die Lage überschauen und mit Hilfe der Englischlehrerinnen läuft alles noch glimpflich ab. Bis zu dem Zeitpunkt wo ein Kind ein Autogramm von uns will. Kaum wird das Papier von allen Lehrern unterschrieben, weckt das in den 699 kleinen Kollegen des Trendsetters den Wunsch, auch über dieselben Unterschriften zu verfügen. Plötzlich werden wir von Papier und Stiften umringt und das Gedränge ist so gross, dass wir anordnen müssen, dass man unsere Unterschrift nur erlangen kann, wenn man brav Schlange steht (früh genug trainiert können das ja eventuell auch Chinesen lernen?). Wir geniessen die Stunde im Gewühl und sind erstaunt darüber, dass einige Kinder bereits besser Englisch sprechen als unsere 18-jährigen Freshmen. Trotzdem sind wir nach unserem Auftritt froh, dass unser Job für heute erledigt ist und wir die Schule wieder verlassen dürfen. Zum Dank erhalten wir von der Schulleitung eine Gage für den Auftritt, werden ins beste Restaurant der Stadt ausgeführt und dann noch mit einem Ausflug zum nahegelegenen Tempel belohnt. Ein gelungener Tag und eine schöne Erinnerung, wenn man von der Rückfahrt nach Mianyang absieht…
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