Zurück in Peking können wir uns wieder ohne peinliche, umständliche Körpersprache verständigen und fühlen uns schon fast heimisch. Diesmal verstärkt sich unsere Reisegruppe mit Thomas‘ Eltern, Doris und Hans, welche wir in einer gemütlichen Jugendherberge in einem Hutong (die traditionellen, engen Gassen Pekings) treffen. Natürlich gibt’s zuerst ein riesiges Wiedersehen, welches mit viel Guetsli und Schokolade besiegelt wird.
Am Anfang zeigt sich die Stadt zwei ganze Tage von einer ungewohnt klaren Seite mit blauem Himmel und Sonnenschein. Danach lernen wir aber doch noch das wahre Peking mit seinem legendären Smog kennen. Gemäss Pekings Behörden wird der Aufenthalt im Freien zeitweise sogar als „gefährlich“ eingestuft und in unserem Reiseführer lesen wir, dass es einem Konsum von 70 Zigaretten pro Tag gleichkomme sich draussen aufzuhalten. Da wir sonst nicht rauchen, nehmen wir das Gesundheitsrisiko in Kauf und besichtigen sehr lohnenswerte Touristenattraktionen wie z.B. den „Sommerpalast“, die „Verbotene Stadt“ und den „Himmelstempel“.
Ausserdem haben wir einen besonderen Programmpunkt auf Lager. Über Beziehungen (wie sich‘s in China gehört!) haben wir von einem gewissen Ehepaar Wang erfahren, welches uns nach kurzem Emailverkehr zum Nachtessen treffen will. Herr Wang ist der chinesische Ex-Botschafter der Schweiz und das Ehepaar hat jahrelang in Zürich und Bern gelebt. Wir suchen unsere besten Kleidungsstücke heraus – was nicht einfach ist, wenn man sein ganzes Hab und Gut seit zwei Monaten zusammengeknüllt in einem dreckigen Rucksack um die Welt trägt – und putzen uns für den Anlass so gut es geht heraus, schrubben sogar ausgiebig unsere Füsse. Obwohl wir aus Erfahrung wissen, dass Chinesen immer pünktlich sind und im Reiseführer nochmals explizit erwähnt wird, dass das rechtzeitige Erscheinen zu so einem Treffen äusserst wichtig sei, lassen wir das Ehepaar Wang aufgrund der akuten Taxiknappheit in der Stadt eine halbe Stunde vor dem Restaurant warten. Beschämt über unsere Verspätung entschuldigen wir uns mehrmals und werden vom lächelnden Herr Wang in unser „baojian“ geführt. Baojian, wörtlich wohl zu übersetzen mit „Sackzimmer“, sind abgetrennte Essräume, wo man seine Privatsphäre geniessen kann, eine in China nötige und sehr beliebte Erfindung, denn im Hauptsaal des Restaurant ist es meist so laut und hektisch, dass man sich in einer grösseren Runde unmöglich unterhalten kann. Wir werden von Frau Wang auf Hochdeutsch sehr formell begrüsst und sie stellt uns das Restaurant mit seiner ganzen Geschichte bis zurück in die Qing-Dynastie ausführlich vor (der Kaiser höchstpersönlich hat hier schon seine Teigtaschen genossen). Danach bestellt Frau Wang unser Essen, was immer Sache des Gastgebers ist und somit steht für uns fest, dass wir die Rechnung am Ende nicht bezahlen dürfen. Es werden acht Gerichte aufgetragen, wovon nur eines vegetarisch ist, und diese werden auf der grossen runden Glasplatte (oder „lazy suzy“) angeordnet, so dass mit dem richtigen Dreh jeder alles erreichen kann. Nachdem Herr Wang uns recht steiff Willkommen geheissen und somit das Essen eröffnet hat, schlagen wir zu und wie bei Chinesen üblich, sprechen wir vorerst nur übers Essen und über andere leicht verdauliche Themen. Spannend, die Schweiz durch die Augen eines chinesischen Diplomatenehepaars zu sehen, welches sich z.B. darüber lustig macht, dass das Frauenstimmrecht an der Landsgemeinde von Appenzell Ausserrhoden erst 1989 angenommen wurde. Ach ja, bezüglich Stimmrecht fällt uns auch noch was zu China ein… Aber diplomatisch wie ein Botschafter ja sein sollte, hat Herr Wang sich damals in der Schweiz nicht eingemischt und es gehöre sich sowieso nicht, sich in die Politik eines anderen Landes einzumischen, was wohl auch gleich als Hinweis für uns gedacht ist, die wir grad zum verbalen Gegenangriff ausholen wollen. So kehren wir zurück zu harmlosen Gesprächen über Ferien im Hotel Waldhaus in St. Moritz und Ähnlichem und der Abend erreicht seinen Höhepunkt in dem Moment als Frau Wang auf Bärndüütsch zum Besten gibt „D Ching wei Hung“ (die Kinder wollen Honig), weil das in ihren Ohren recht Chinesisch töne. Das Essen selbst geht in China schnell vonstatten und wenn man nicht noch auf ein Glas Reiswein sitzen bleibt, was sich in dieser Situation mit einem Ehepaar von Rang und Namen natürlich nicht gehört, so ist nach knapp zwei Stunden der Abend gelaufen. Bevor wir Herr und Frau Wang also wirklich kennen lernen können, stehen wir bereits wieder auf der Strasse und versuchen ein Taxi herbei zu winken.
Ein weiterer unkonventioneller Tag in Peking ergibt sich unerwartet, als uns von der Jugendherberge mitgeteilt wird, dass wir am Mittag des nächsten Tages zurück in der Jugi sein müssten und für mehrere Stunden Hausarrest hätten, da sich Peking auf den grossen Feiertag am 1. Oktober vorbereiten müsse. Zuerst lachen wir über die Empfangsdame und finden ihre Forderungen erstens urkomisch und zweitens nicht durchführbar. Als wir merken, dass es ihr ernst ist und sich immer mehr bewaffnete Nicht-Zivilisten im Quartier versammeln, fügen wir uns dann doch brav den Anweisungen. Tatsächlich wird während der besagten Zeitspanne halb Peking abgesperrt und man kann nur mit wichtig aussehenden Badges und dem zugehörigen stolzen Gesichtsausdruck bestimmte Absperrungen überschreiten. Ohne Ausweis können wir zwar ein bisschen um unsere Jugi herum spazieren, aber die meisten Strassenübergänge und Kreuzungen werden von Militärs und Polizisten bewacht, so dass unser Auslauf-Revier an diesem Tag sehr klein ist. Vom Strassenrand können wir allerdings das Treiben um die Verbotene Stadt beobachten und uns die Vorbereitungen zum 60. Geburtstag Chinas mitangucken, was uns vorfreudig, aber in Anbetracht des Ausmasses, auch etwas nervös stimmt.
In Qingdao, wo die Segelwettkämpfe der olympischen Spiele ausgetragen wurden, machen wir den nächsten Halt. Die Stadt war anfangs des letzten Jahrhunderts unter deutscher Kolonialherrschaft, was ihr sowohl zu einigen netten Bauten als auch zur besten Brauerei Chinas verholfen hat. Die für Chinesen äusserst romantische „europäische“ Stadt mit Lage am Meer, zieht viele Hochzeitsfotografen an und junge atheistische Päärchen posieren strahlend vor der katholischen Kirche oder mit dem Hochzeitskleid bis zu den Hüften im Wasser im Meer. Wir geniessen Strand und Berge und das Schweizer Sackmesser kommt zum ersten Mal zum Einsatz als Hans das Schloss einer verklemmten WC-Türe in einem Restaurant abmontiert.
Mit dem „Hartschläfer“-Nachtzug, wie es sich für hartgesottene Touristen gehört, fahren wir in zwei Nächten quer durch halb China und setzen unsere Reise im Süden in der Provinz Hunan fort, wo wir uns zwei Bauerndörfchen angucken: traditionelle Häuser, Reisfelder, Karstlandschaften und Wasserbüffel machen unsere Ausflüge zu unvergesslichen Erlebnissen.
In Fenghuang finden wir inmitten all der chinesischen Restaurants eine Pizzeria und freuen uns über die vielversprechende Entdeckung und willkommene Abwechslung. Zuerst müssen wir aber die Betreiber ausfindig machen, denn das Lokal und die Küche sind völlig verwaist. Nachdem wir den Koch beim Nachtessen im benachbarten Nudelsuppenladen auffinden und zu unserer Bewirtung haben motivieren können, bestellen wir eine Pizza zum Teilen. Unser Appetit wird angeregt, doch als wir weitere Pizzen bestellen wollen, ist dem Restaurant der Teig ausgegangen, was in einer Chinesischen Pizzeria gern mal vorkommt. Wir weichen auf die einzige Alternative in der Speisekarte um: Pasta. Als sich herausstellt, dass es auch diese und somit nichts Essbares mehr im Hause gäbe, ist das dann doch ein triftiger Grund das Lokal zu verlassen.
Den 60. Geburtstag der Volksrepublik China verbringen wir in Dehang. Wir haben uns bereits gut darauf vorbereitet, indem wir im Kino den Film „die Gründung einer Republik“ angeschaut haben, eine zweieinhalbstündige Propagandaaktion mit über 100 Stars wie z.B. Jackie Chan, welche alle gratis und franko und aus reinem Nationalstolz heraus zur Produktion beigetragen haben. Der gemäss der Chinesischen Volkspartei zu 70 Prozent „gute“ und nur zu 30 Prozent „böse“ Mao Zedong wird als Kinderliebhaber und Volksheld auf Blumenwiesen, vor dem romantischen Sternenhimmel und weinend am Grabe seines Kochs dargestellt. Der Film hört dann auch prompt dort auf, wo all das Chinesische Leid eigentlich erst anfängt. In Fenghang allerdings interessiert nicht Mao in erster Linie die Dorfbewohner, sondern der bevorstehende Touristenstrom zum Feiertag. Der Ansturm bleibt allerdings aus, sei es wegen der Wirtschaftskrise oder der Ermahnung der Regierung den Tag zu Hause vor dem Fernseher zu verbringen, dafür hat man in Dehang wiedermal die Scheiben und Küchen gründlich geputzt, den Boden gefegt und neue Lampions aufgehängt. Wie das Chinesische Volk, bleiben auch wir am Morgen zu Hause vor dem Fernseher, gucken gespannt die Parade in Peking und sind beeindruckt von den 260‘000 Beteiligten und all den Kriegsmaterialien, die man für den speziellen Anlass aus dem Keller geholt hat und etwas empört über das symbolträchtige Tragen der Maojacke durch Hu Jintao – aber wir sind, nach all unseren China-Erfahrungen, nicht besonders erstaunt über diese pompöse, martialische Selbstinszenierung der KP.
Nach weiteren zwei Nächten im Zug können wir uns endlich im komfortablen Hongkong erholen. Wir bestaunen all die Wolkenkratzer, die moderne Infrastruktur und internationalen Geschäfte, doch am meisten geniessen wir wohl die Tage am Strand, wo wir uns bei über 30 Grad alle gern ins Wasser stürzen. Der kleine Badeurlaub rundet unsere Reise ab, bevor wir sehr aufgeregt ins Flugzeug steigen und der Schweiz entgegen fliegen. All denen, die über ein Jahr auf uns gewartet, uns E-mails geschrieben, telefoniert oder uns am Flughafen empfangen haben, herzlichen Dank!!
2. November 2009
Not Russia! Not Borat!
Stundenlang das gleiche Bild: Zugreisen in Kasachstan
Wir kommen in der ehemaligen Hauptstadt Almaty an und fühlen uns als ob wir bereits wieder in Europa wären.
Naja, im "Hotel" wird der europäische Standard dann knapp unterschritten.
Nicht viel anders als in China: Auf einer administrativen Odyssee jagen wir den benötigten Stempeln und Dokumenten hinterher.
Heilige Auferstehungskathedrale
Wiedersehen mit Karen & Jim in Shymkent

Darauf stossen wir mit einer Vodkamelone an.
Auf geht's in den Nationalpark Sayram Ugam...
... wo wir bei einer kasachischen Bauernfamilie nächtigen.

Schaut lecker aus - legt uns aber alle für drei Tage flach!
Nicht einmal der obligate Vodka des Gastgebers kann unseren Mägen noch helfen.
So ein Mist! Mit getrocknetem Kuhdung wird hier geheizt und gekocht.
Auch der Bauer entspannt sich gerne nach einem langen Tag auf dem Feld; am liebsten in der Dorfsauna.
Unberührte Natur so weit das Auge reicht...
... da schnüren wir doch sofort unsere Wanderschuhe.

Auch vor reissenden Strömen machen wir nicht Halt!
Don Quijote & Sancho Panza halten Ausschau nach Windmühlen.
Das amerikanisch-schottisch-schweizerische Expeditionsteam
Unendliche Weiten: Kasachstan, neuntgrösstes Land der Welt
Das Mausoleum in Turkestan wurde um 1400 errichtet.
Drei Wallfahrten hierher sind gleichwertig mit einer Pilgerreise nach Mekka.
Turkestan ist zwar ein verschlafenes Provinzstädtchen, aber auf dem Bazar ist ganz schön was los.
Fast 1 PS.
Nostalgia: Relikte aus der Sowjetunion im Stadtpark...
... und im Supermarkt.
Abendstimmung am Bahnhof in Turkestan
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