Gestartet haben wir unsere erste Etappe, welche wir mit Patrick (Thomas’ Bruder) bestritten haben, in Kunming, wo wir nach all den zwar heissen, aber zumeist ziemlich trueben Tagen in Sichuan endlich mal wieder ordentlich Sonne tanken konnten. Den ersten Halt legten wir, auf Einladung von Sophia, einer Studentin von Thomas, im Bauerndorf XiaShanKou (frei ins Schweizerdeutsche uebersetzt hiesse dieser Ort wohl “Unteriberg”) ein. Auf dem Bauernhof wurden wir von Sophias Vater wunderbar verkoestigt und am naechsten Tag ging es fuer eine zweistuendige Einbaum-Rundfahrt in die nahegelegene Sumpflandschaft.


Auf der typischen Route durch den Yunnan darf ein Stopp im beruehmten Lijiang (UNESCO-Weltkulturerbe) auf keinen Fall fehlen. Da wir dieses aber bereits vor vier Jahren besucht hatten, vorallem aber weil der Ort mittlerweile zu einem folkloristischen Disneyland, mit nicht abreissendem Touristenstrom verkommen ist, liessen wir es links liegen und wandten uns stattdessen ShaXi zu. Ein unglaublich charmantes Bauerndorf, welches mit Hilfe von Denkmalschutzspezialisten der ETH Zuerich, einer sanften Renovation unterzogen wurde.


Gluecklicherweise war auch gleich noch Markt und so kamen von all den umliegenden Doerfern die Bauern in ihren Minoritaetentrachten, um sich mit neuen Flechtkoerben und Chinesenschlappen einzudecken oder die etwas aelteren Semester, um beim Feld-Wald-und-Wiesen-Zahnarzt mal auf die Schnelle das Gebiss auszuwechseln oder einen schmerzenden Zahn zu ziehen; das Ganze natuerlich ohne Betaeubung und auf offener Strasse zwischen Gemuesestand und Gefluegelhaendler.


Der eigentliche Hoehepunkt unseres Aufenthalts war aber ein ganz anderer: Am zweiten Abend passierten wir den lokalen Polizeiposten und wurden prompt zu einem Federballmatch mit den gelangweilten Beamten herausgefordert. Bald schon folgte das obligatorische Fotoshooting mit den Langnasen und als wir einige Stunden spaeter auf dem Rueckweg in unsere Unterkunft waren wurden wir aufgefordert uns doch noch einmal zu ihnen zu gesellen. Mittlerweile hatte das ganze Korps bereits ganz schoen was intus. Als wir nach einer halben Stunde und etlichen lauwarmen Bieren langsam zurueck in die Unterkunft wollten, entschloss sich die versammelte Mannschaft, mittlerweile verstaerkt durch den Dorfarzt und seine Kumpels, uns Geleitschutz zu geben. Also begaben wir uns alle gemeinsam zurueck in unser Gasthaus, wo das Gelage an der Bar sogleich weiterging, da in China wahre Freundschaft immer mit DREI Bechern ex-und-hopp beziehungsweise GANBEI begossen werden muss.


Angekommen im sagenumwobenen ShangRiLa (ZhongDian) stellt man schnell fest, dass aus dem einst schmucken Bergdorf binnen weniger Jahre eine haessliche, chinesische Grossstadt auf 3000 Metern ueber Meer geworden ist. Immerhin liegen die meisten Hotels in der ehemaligen Altstadt, die ihren Charme bewahren konnte und wo sich dementsprechend alle Reisenden zusammenrotten. Beim Fruehstueck trafen wir dann auch prompt mal wieder auf jemanden der Deutsch spricht: Monika kommt aus Wien und war wie jedes Jahr auf Besuch im Waisenhaus, fuer welches sie in Oesterreich, Deutschland und der Schweiz Spenden sammelt. Sie laedt uns ein, sie zu begleiten, um mit den Kindern auf der Farm einige Kilometer ausserhalb der Stadt den Tag zu verbringen. Das Projekt, welches 1993 ins Leben gerufen wurde, wird von Tendol und Losang gefuehrt, einem tibetischen Paar, welches waehrend vieler Jahre in Rapperswil gelebt hat und auch heute noch jedes Jahr einige Wochen in die Schweiz zurueckkehrt um ueber ihr Projekt zu informieren und Spenden zu sammeln. Wir erlebten einen tollen Tag mit den ueber 50 Kindern, welche zwischen 4 und 20 Jahren alt sind. Vielen Dank an Tendol, Losang, Monika und all die Kinder und Jugendlichen fuer diesen abwechslungsreichen Tag! Wer noch nicht genau weiss, welchem Hilfswerk er an Weihnachten etwas spenden moechte, dem sei versichert, dass sein Geld hier sinnvoll eingesetzt wird: www.tendol-gyalzur-tibet.ch


Unser naechster Halt Litang – hoechstgelegene Stadt Chinas auf 4014 Metern - war sprichwoertlich atemberaubend. Die Gegend wird hier fast ausschliesslich von Tibetern besiedelt, Han-Chinesen machen gerade mal ein Prozent der Bevoelkerung aus. Das Bild wird gepraegt von orange gewandeten Moenchen, zottigen Yaks, langhaarigen Machos mit breitem Grinsen und dunklen RayBan-Sonnenbrillen, abgemagerten, herumstreunenden Koetern und gebetsmuehlenbewaffneten Frauen unbestimmbaren Alters.



Hauptattraktion sind die jaehrlich stattfindenden Pferdefestspiele, zu denen jeweils zehntausende von Tibetern mit ihren Tieren pilgern. Leider gab es aber dieses Jahr aus Beijing keine Genehmigung fuer die Durchfuehrung eines Anlasses dieser Groesse, da sich die Obrigkeit vor einer Versammlung derart vieler Tibeter fuerchtet. So mussten wir uns mit einer Miniversion begnuegen, welche aber trotzdem aeusserst sehenswert war. Die tollkuehnen Reiter, welche auf ihren pfeilschnellen Pferdchen halsbrecherische Kunsstuecke vollfuehren, liessen uns aus dem Staunen nicht mehr herauskommen.

Zartbesaitete Leserinnen und Leser sollten an dieser Stelle ihre Lektuere besser vorzeitig beenden; ist doch der uralte tibetische Brauch der Himmelsbestattung fuer die meisten Menschen zunaechst sehr gewoehnungsbeduerftig. Da der Boden auf dem Hochplateau waehrend eines Grossteils des Jahres gefroren ist und Baeume fuer Brennholz fast gaenzlich fehlen, mussten sich die Tibeter etwas einfallen lassen um die sterblichen Ueberreste ihrer Mitmenschen zu “beerdigen”: Der tote Koerper wird zunaechst zu einem heiligen Ort gebracht, wo er baeuchlings zu Boden gelegt wird. Der Bestatter – haeufig ein Moench – trennt mit geuebter Hand das Fleisch auf der Rueckseite von den Knochen. Gleichzeitig segeln von den umliegenden Bergen Dutzende von riesigen Geiern herab und lassen sich in der Naehe des Geschehens nieder. Kaum tritt der Bestatter einen Schritt von der Leiche zurueck, verschwindet diese unter den gespreizten Fluegeln der Voegel. Wenige Minuten spaeter bleibt bloss das sauber abgefressene Skelett zurueck. Nun greift der Moench zur Axt und zertruemmert saemtliche Knochen zu feinem Pulver; angereichert mit Mehl und Zucker wird diesem Brei schliesslich noch das Hirn untergemischt bevor auch die letzten Ueberreste in den Schnaebeln der gierigen Geier verschwinden. Vollgefressen schwingen sich diese wieder in die Luefte und verschwinden am Himmel.

