10. Juli 2009

Für Tina

Tina und Manja, unsere deutschen Freundinnen die ganz asiatisch zu Reisen gedenken („China in 13 Tagen“), kündigen ihren Besuch in MianYang an. Warum einen Abstecher nach MianYang machen, wenn man zwei Wochen Zeit hat für die wirklich grossen Touristenattraktionen in Hongkong, Chengdu, Xian und Beijing? Tina meint: „Ich wills mal in euren Blog schaffen!“ Was auch immer die wahren Gründe sind, wir buchen für unsere Freundinnen zwei Hotelübernachtungen im Campushotel, welches nur zwei Minuten von unserer Wohnung entfernt liegt und feuen uns riesig auf ihren Besuch. Doch bereits einen Tag später erkärt uns die Schuladministration, dass wir doch lieber in Downtown MianYang ein Hotel suchen sollten, sei es doch eine zu grosse gesundheitliche Gefahr für die Studenten, ausländische, mit grosser Wahrscheinlichkeit mit der Schweinegrippe infizierte Gäste, auf dem Campus zu haben. Wir erklären, dass die Situation in der Schweiz nicht sehr besorgniserregend sei und dass unsere Freunde über HongKong einreisen würden, eine Weltstadt mit Rang und Namen (das Argument zählt hier in der Provinz schon was!), wo man ja sowieso auf Herz und Nieren überprüft werde. Ja, man ist sich einig, dass somit kein Problem bestehe und man könne die Reservation unter diesen speziellen Umständen doch vornehmen. Am nächsten Tag lassen wir uns die Buchung noch einmal bestätigen. Klar, das Zimmer ist schon bereit, kein Problem, man habe das ja bereits diskutiert. Doch schon einen halben Tag später wird uns ausgerichtet, dass Miss Wang, die Parteisekretärin und oberste Entscheidungsinstanz der Schule, uns „vorschlage“ unsere Gäste doch Downtown unterzubringen. Wir fragen irritiert nach, was das Wort „suggest“ denn auf Chinesisch bedeute: Ist es eher gleichbedeutend mit „müssen/sollen“ oder mit „können/dürfen“? Kein Problem, wir hätte die absolute Wahl, „a suggestion“ sei wirklich nur ein gutgemeinter „Vorschlag“, also alles ganz freiwillig, allerdings sei das Hotel auf dem Campus im Moment nicht für Ausländer zugänglich. Wir entscheiden uns also freiwillig und ohne äusseren Druck, dass wir unsere Gäste nicht im Campus-Hotel unterbringen wollen. Als Nicht-Kommunisten sind wir aber nur wenig von Miss Wangs uneingeschränkter Macht beeindruckt und in Rage über diese lächerliche Massnahme (und andere angestaute administrative Ärgernisse) wollen wir mit dieser Dame selber sprechen, ja ihr einmal persönlich gegenübertreten! Mit unserer Chefin als Übersetzerin, selbst auch eine untergebene Parteiangehörige und Glaubensanhängerin der Frau Wang, suchen wir den Dialog mit der Parteichefin. Dieser kommt allerdings nie zu Stande, weil Miss Wang zur abgemachten Zeit dann doch nicht zum Gespräch erscheint. Allerdings hätte in Anbetracht ihrer Stellung an der Schule ein solches Treffen sowieso nie zu einem Dialog, geschweige denn zu einem Meinungsumschwung der Autoritäten führen können. Wir lassen der guten Dame aber ausrichten, dass wenn sie um die Gesundheit ihrer Studenten wirklich so besorgt sei, es da durchaus noch „room for improvement“ gäbe:

1. Man könnte die Toilettenanlagen der Schule mit Seifen ausstatten.
2. Es wäre doch möglich den Swimmingpool, wo täglich mindestens 600 Studenten Schwimmunterricht geniessen, mal reinigen zu lassen, so dass diese nicht gemeinsam mit Fröschen und anderen Tümpelbewohnern den Teich teilen müssten.
3. Wie wärs, wenn man das Spucken zumindest IM Klassenzimmer und WÄHREND der Schulstunde verbieten würde?

Auch wenn solch revolutionäre Ratschläge mit Sicherheit Frau Wang nie erreichen werden, so haben wir uns doch unseren Ärger von der Seele geredet. Danach geben wir klein bei und reservieren ein Zimmer im besten Hotel der Stadt, vergewissern uns noch einmal, dass Ausländer wirklich auch zugelassen seien und schreiben unseren Freundinnen scherzend, dass sie sich bei der Ankunft so gesund und normal wie möglich verhalten sollten.
Ein gutgemeinter Tipp, aber wie soll man gesund aussehen, wenn man sich in den klimatisierten Räumen von Hong Kong eine Erkältung geholt hat? Mit triefender Nase und überhöhter Temperatur wird Manja natürlich gleich bei ihrer Ankunft in Chengdu unter Quarantäne gestellt und Tina bekommt sofort einen Mundschutz verpasst. Wegen schlechtem Roaming können wir nur über das Handy des ausschliesslich chinesisch sprechenden Taxifahrers kommunizieren und finden erst nach einiger Zeit heraus, dass dieser bloss Tina nach MianYang fährt. Da zwischenzeitlich schon Mitternacht ist, bleibt uns nichts anderes, als uns mit der Situation abzufinden, dass Manja nun halt auf unbestimmte Zeit in Chengdu unter Quarantäne bleiben wird. Die „unbestimmte Zeit“ (in China zumeist eine eher längere Zeitspanne) beträgt dann zum Glück etwas weniger als 24 Stunden und endet mit der Übergabe eines „ich-habe-keine-Schweinegrippe-Zertifikats“. So können wir noch ganze zwei Tage zu viert verbringen, die wir uns dann ganz nett mit Massagen, Rikschafahrten, Sightseeingtouren und üppigen Mahlzeiten versüssen. Und endlich wiedermal Schweizerdeutsch sprechen! Tina versteht das jetzt nämlich!







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