14. Oktober 2008

Chongqing

Noch nie gehört? Macht nichts, geht wohl den meisten gleich; trotzdem gut zu wissen: Chongqing ist mit 32 Millionen Einwohnern die grösste Stadt der Welt. Zwar gewinnt sie diesen Kampf der urbanen Superlative nur unter Einbezug der sie umgebenden Vororte, doch gehört nicht auch Schwammendingen zu Zürich?

Obwohl uns alle davon abraten, die National Holidays reisend, geschweige denn in einer Grossstadt zu verbringen, reservieren wir uns einen Platz im Bus und nehmen die fünfstündige Fahrt in Angriff. Hotel buchen wir keins vorab und auch ein Rückfahrtticket haben wir noch nicht. Soviele Unsicherheiten würden die allermeisten Chinesen in Angst und Schrecken versetzen, sie sind sich Reisen halt schlichtweg (noch) nicht gewohnt. Dies äussert sich beispielsweise beim Einsteigen in den Bus oder Zug: Obwohl jeder einen reservierten Sitzplatz hat, wird geschubst, gestossen und gedrängelt was das Zeug hält - man weiss ja nie!

Wir kommen auf jeden Fall problemlos nach Chongqing und finden dort auch auf Anhieb ein äusserst zentral gelegenes Hotel. Für 50 Franken pro Nacht (und Zimmer notabene) gönnen wir uns für 5 Nächte die Suite im 29. Stock mit Aussicht auf die neuesten Bauvorhaben.



Chongqing ist eine Stadt der krassen Kontraste: Während im durchgestylten Stadtzentrum die oberen Zehntausend mit dem Porsche Cayenne in glitzernden Einkaufstempeln bei Escada und Armani ihre Einkaufstouren bestreiten...



... wohnen nur wenige hundert Meter entfernt Menschen, welche sich wohl nicht einmal den Luxus eines Kaffees bei Starbucks leisten könnten. Aber gerade diese verwinkelten Gässchen haben trotz offensichtlicher Armut einen ganz eigenen Charme. Teilweise auf Stelzen gebaute Häuser schmiegen sich an die steilen Hänge der Halbinsel, welche in den Yangtze abfällt.



Abends wird an jeder Ecke eine kleine Küche aufgebaut und Tischchen aufgestellt.





Obwohl die Hygienestandards vor allem auch in den Altstadtgässchen etwas zu wünschen übrig lassen (oh, wir sind bereits verwöhnt, wird doch MianYang als säuberste Stadt Chinas bezeichnet!), schätzt man es auch hier nicht, wenns auf dem Fleisch plötzlich zu krabbeln beginnt. Diese Gefahr wendet man mit Hilfe von mehr oder weniger primitiven Mitteln ab. Eine sehr effektive Abwehr ist das Töten von Ungeziefern mit einer einfachen Fiegenklappe. Dies bietet ausserdem noch einiges an Unterhaltungswert und lässt die nächtliche Verkaufsschicht vor dem Fleischstand schneller passieren.



Genaustens überprüfen wir die Lebensmittel in den Altstadtgässchen. Jetzt wollen wir doch endlich mal was wirklich chinesisch-klischeehaft Ekliges entdecken! Wir inspizieren alle Zutaten ganz genau und können leider nach wie vor nicht von ausgefallenen Organen und Körperteilen von Hunden und Ratten berichten.

Noch haben nicht alle Tempel den Hochhäusern weichen müssen. Zum Glück, denn wo würde man sonst...

... all die Opfergaben verbrennen? Der Verstorbene, dessen Verwandte dieses aus Papier gefertigte Gebilde in Flammen aufgehen lassen, kann sich wohl glücklich schätzen: in dieser Villa wird er leben wie im 7. Himmel!

In diesem Fluss hat noch vor wenigen Jahren der Yangtse-Delphin gelebt. Dass dieser mittlerweile ausgestorben ist, sollte den Betrachter dieses Bildes wohl nicht wundern. Ein trübes Bild? Überhaupt nicht, das ist Chongqing bei Sonnenschein!



Berühmt für Chongqing sind auch die kleinen, drahtigen "Bangbang", welche schwere Lasten mit Hilfe einer Bambusstange auf ihren Schultern durch die steilen Gässchen der Stadt tragen. Naja, wenn man schon so trainiert ist, dann ist's wohl auch keine Sache, einen Kühlschrank von A nach B zu befördern.

Im Zoo ist der Bär los - oder in diesem Falle wohl eher die Giraffe! Die Zoobesucher locken das Tier mit frischen Blättern so lange, bis es die erste Abschrankung überschreitet. Auch der Zoowärter kann sich nur mit Müh und Not beim Volk durchsetzen und die Giraffe wieder in die Schranken weisen. Sowieso scheinen die Tiere im Zoo nicht sehr sicher zu sein. Wir waren zum Beispiel Augenzeuge wie eine erwachsene Frau einem Stacheltier eine Petflasche angeworfen hat. Um solche Zwischenfälle zu vermeiden hat der Zoo auch diverse Schilder angebracht "Don't beat or catch or hurt or steal the animals, otherwise you will be severely punished!". Vielleicht passend hier zu erwähnen, dass die Analphabetenquote im Land 10% beträgt...

Piranhas?? Zwar knabbern diese Fischchen an unseren Füssen herum, wie es auch die räuberischen Fische der tropischen Süssgewässer mit ihren Opfern tun würden....



...doch diese Tierchen haben es lediglich auf unsere Hornhaut abgesehen - und davon haben wir schliesslich genug für alle. Diese auf den ersten Blick etwas riskante Wellnesskur führen wir in der wohlbehüteten Umgebung in einer heissen Quelle durch - ein wahre Oase mitten in der Grossstadt.

Nicht nur durch das Abklappern von Stadtteilen konnten wir viel über Chongqing erfahren, nein, auch unser neuer Freund David konnte uns viel über die Stadt und ihre Menschen erzählen. David hat uns in einem Buchladen angesprochen, als wir gerade für mehr Chinesischlernmaterial ausschau gehalten haben, und wir haben die Chance genutzt uns gleich an zwei Abenden mit ihm zu verabreden. Vorallem war es ihm wichtig, uns die lokale Küche etwas Näher zu bringen und so haben wir mit ihm sowohl Hotpot wie auch die Alte-Enten-Suppe gekostet, welche viel leckerer war als der Name impliziert. Da David in einer internationalen Unternehmung tätig ist, haben wir auch viel über Geld, Geschäfte und über seine Zukunftsvision gesprochen eine Frau zu heiraten, welche mit ihm zusammen für "einen Gewinn für die nächste Generation" sorgt. Er hat auch angedeutet, dass diese Frau eine der beiden Begleiterinnen sein könnte, welche er nacheinander an unsere Treffen mitgebracht hat. Hier ein Gruppenfoto mit dem potentiellen Päärchen und uns.


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