23. Oktober 2008

Von der Koexistenz chinesischer Perfektion und unglaublicher Schlamperei



Kurz nach unserer Ankunft in China fällt mir ein Reisemagazin in die Hände, welches das Thema Haare mit all dem dazugehörigen chinesischen Vokabular abhandelt. Noch ist die Seite für mich nicht von Interesse, doch ich nehme das Heft nach Hause in weiser Voraussicht, dass der Tag X kommen wird, wo ich hier einen Coiffeur aufsuchen muss. Ausserdem entdecken wir bei einem unserer zahllosen Stadtrundgänge einen sehr durchgestylten Salon, wie ich ihn in der Schweiz noch nicht gesehen habe und ich merke mir die Adresse für den immer näher rückenden Besuch. Denn wo kann man sich sonst schon so was leisten?

So gut vorbereitet ist doch der Gang zum Friseur eine wahre Freude: Zielstrebig und gut bewaffnet mit dem gesamten Haar-Vokabular und einem Langenscheidt für den Fall der Fälle, suche ich den vorgemerkten Beautypalast auf. Das scheint schon mal kein übertriebener Vorbereitungsaufwand gewesen zu sein, denn wie erwartet spricht hier niemand fliessend Englisch. Trotzdem werde ich freudig und herzlich von einem ganzen Rudel junger Männer empfangen, die allesamt die These von Thomas’s Schülern „there are no gay people in China“ widerlegen könnten. Selbstsicher zeige ich auf den Satz „I have split ends. Can you please trim them?“ und kurz danach noch auf „dye“. Ich werde verstanden und sogleich von den ca. zehn männlichen Coiffeurs im Alter zwischen 20 und 30 in einen speziell zum Haarewaschen designten Raum eskortiert. Unterwegs wird mir meine Tasche abgenommen, welche, obwohl ich weit und breit die einzige Kundin bin, sofort in ein Schliessfach gelegt wird und mir wird im Gegenzug ein Armband mit dem Schlüssel umgebunden. Im Waschraum angekommen lege ich mich auf eine Liege – ja, das ist ja mal was, kein abgeknicktes Genick und verkrampftes Schlucken beim Haarewaschen, sondern eine horizontale Liege zum Relaxen. Der Raum hat ausgewählte Muster an den Wänden und wird sanft mit Musik beschallt. Als ich da so liege und langsam Wasser ins Becken um meinen Kopf eingelassen wird, hält mir plötzlich jemand einen Katalog über den Kopf. Als ich die Preise sehe, spicke ich fast sekundenschnell in die Vertikale. Was? Der Service hier startet bei 70 Franken! In einem Land, wo Thomas für nicht mal einen Franken die Haare geschnitten hat! Da ich nur die Preise, nicht aber den dazugehörigen Service entziffern kann, wähle ich den Billigsten, da mir auch bei diesem Färben und Spitzenschneiden versprochen wird. Trotzdem beklage ich mich lauthals über den Wucherpreis und ohne grosses Theater willigen die Jungs in einen 60%igen Rabatt ein. Erleichtert lege ich mich wieder hin und geniesse die Kopfmassage, die nur dadurch gestört wird, dass der Massierende ein lautes Geräusch im Rachen macht und dann knapp an meinem Kopf vorbei auf den Boden spuckt. Nach dem Haarewaschen wird mein Haar mit Handtüchern abgerubbelt und ohne zu kämmen gleich von allen Richtungen geföhnt. Klar, dass meine nicht so chinesisch-glatten Haare keine Freude daran haben und in alle Richtungen abstehen. Ich sitze total zerzaust da mit meinem schon grossenteils grauen Haaransatz und den ausgefransten Spitzen und zehn Experten begutachten das Desaster – sind sie sich doch nur glattes, dickes, schwarzes Haar gewohnt! Jeder der Haarspezialisten schaut meine Haare für drei Minuten an und der Typ, der sich „Britney Spears“ auf den Handrücken eintätowiert hat, macht sogar einen Telefonanruf und diskutiert das Malheur mit einem Freund. Doch plötzlich spricht der einzige Coiffeur, der über ein paar englische Brocken verfügt, sehr undiplomatisch aus, was das Problem zu sein scheint: „you have very bad hair!“. Diese nicht sehr erfreuliche Aussage wird noch unterstrichen mit der Information, dass ich aus diesem Grunde den doppelten Preis zu bezahlen hätte. Aus einer im Prinzip sehr schwachen Verhandlungsposition heraus drohe ich trotzdem an, den Salon auf der Stelle zu verlassen, wenn ich nicht zum abgemachten Preis bedient würde. Unerwarteterweise beschwichtigt man mich trotzdem gleich mit „okay, okay, we will do it“. Nachdem man mich nun 30 Minuten „untersucht“ hat, beginnt die Färberei. Gleich wird mir auch prognostiziert, dass die Sache ca. 3 Stunden dauern wird, weil das Haar ja eben „very bad“ sei und ich zudem noch extrem viele dieser problematischen Haare hätte.
Drei Stunden war wohl eine gute Schätzung – wenn man nur das Färben einberechnet. Bis zum Zeitpunkt, wo ich den Laden verlassen kann, wird noch viel Zeit vergehen. Das Färben an sich wird professionell durchgeführt, Strähne um Strähne wie man das erwartet, einfach etwas langsamer als normal. Nur vergessen die Profis, die mit der Farbpaste behandelten Haare hochzustecken und die Farbe rinnt mir tief in die Stirne und die Ohrmuscheln. Wohlweislich hat man mir einen Schutz umgelegt, aber leider hält das Mäntelchen die Farbe nicht ab, weils nicht ganz wasserdicht ist und so wird schlussendlich auch mein T-Shirt mit Farbe durchtränkt. Dies hat zur Folge, dass man mich ca. 30 Minuten waschen muss und mit einem Spezialmittel mein T-Shirt behandelt, was natürlich nichts nützt, sondern die Sache eher noch verschlimmert. Immerhin vergeht die Zeit schnell, denn das Färben findet wiederum in einem speziellen Raum statt, welcher nicht nur sehr schön gestaltet ist, sondern auch noch mit Computern ausgestattet wurde. Jeder Sitzplatz ist gleichzeitig ein Computerterminal und während ich bedient werde, kann ich also im Internet surfen und Tee trinken! So kann ich ein online Wörterbuch öffnen und versuchen mit den nachgeschlagenen Wörtern chinesische Sätze zu bilden, was Chinesen immer erfreut. Ich kann den Jungs, welche mich die ganze Prozedur hindurch umkreisen auch die Homepage der Schule zeigen an welcher wir arbeiten, sowie Fotos von mir und Thomas. Wie immer wird das Gespräch stark von gegenseitiger Neugier im Gang gehalten. Man studiert meine Physiognomie und stellt fest „you have a long nose“ und „your boyfriend must be very strong” was mit „because you are so tall“ begründet wird. Fürs Frisieren am Schluss, werde ich in einen dritten Raum geführt, welcher im Design den anderen zwei Zimmern in nichts nachsteht. Liebevoll wird Strähne für Strähne an ihren Platz gebracht und nach fast fünf Stunden, bezahle ich den abgemachten Preis und verlasse den Salon, zwar zufrieden mit dem Resultat aber völlig erschöpft vom ganzen Prozess.

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