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Pflichten eines Foreign Experts
Als Shirley, unsere immer total gestresste, aber selten arbeitende Chefin mich fragt, ob ich Zeit hätte an einem Anlass teilzunehmen, sage ich sofort zu. Es gehört nämlich zu den inoffiziellen Pflichten eines „foreign teachers“ an bestimmten Zusammenkünften einfach dabei zu sein, um dem Anlass ein internationales Flair zu verleihen und unserem weltoffenem College zu Prestige zu verhelfen. Meinen letzten Auftritt hatte ich am Mitteherbstfestival, wo ich mit hohen Beamten, inklusive dem Bürgermeister von MianYang, zum Tee geladen war. Leider erhalte ich dieses Mal von Shirley keine Informationen über den Anlass, da sie selbst völlig uninformiert sei. Einige meiner Studenten mutmassten, dass es um eine Benefizveranstaltung für Erdbebenopfer gehen könnte. Doch weit gefehlt! Ich und Becky, meine amerikanische Mitrepräsentantin der weissen Menschengattung, werden also zur versprochenen Zeit am College abgeholt und in die Stadt gefahren, wo wir im Polizeihauptgebäude empfangen werden. Nachdem wir ein paar Minuten ratlos mit einem Beamten auf dem Sofa Small-Talk gemacht haben, erblicken wir ein Banner mit der Aufschrift „opening day of entry-exit administration bureau of mian yang public security bureau“. Was für eine Ehre, heute sind wir also zum Tag der offenen Tür der Einwanderungsbehörde geladen! Ich habe den Eindruck, dass alle 50 Teilnehmer genauso unwissend an den verheissungsvollen Ort geschleppt worden sind wie wir. Jeder „Interessent“ bekommt nun eine Mütze und wie man das von chinesischen Reisegruppen schon kennt, ist es wichtig, diese auch gleich aufzusetzen, damit die einzelnen Individuen zu einer Gemeinschaft verschmelzen. Auch Becky und ich können uns diesem Brauch nicht widersetzen und gehen gleich in einem Meer aus weissen Kappen unter.
Zur Feier des Tages dürfen jetzt also Fragen gestellt werden und eine Beamtin in echter Polizeiuniform (Shirley ist von den zahlreichen Medaillen recht beeindruckt) zeigt uns die Örtlichkeit, welche aus fünf Schaltern besteht und grundsätzlich einfach aussieht wie Schalterhallen von Behörden halt so aussehen. Um nicht desinteressiert zu wirken, frage ich den einen Polizisten nach der Anzahl westlicher Einwanderer, obwohl ich das eigentlich schon am Anlass zuvor gefragt habe (die Antwort ist dieselbe: 50). Die Polizisten zeigen uns unter Beobachtung diverser Medien, wie man das Visa-Formular korrekt ausfüllen muss und wie man es am Schalter abgeben kann (höchst interessant, vor allem drei Monate nachdem man das selbst schon gemacht hat!). Nach der „Führung“ stürzt sich das Mian Yanger Fernsehen mit Kamera und Mikrofon auf Becky und mich und wir müssen den enthusiastischen Reporter darüber Auskunft geben, ob das Verfahren in unseren Heimatländern ähnlich sei. Wir geben ausweichende, nichtssagende Antworten, weil wir mit der Materie nicht sehr vertraut sind (wir brauchen ja schliesslich kein Visum für unsere Heimatländer) und lächeln fröhlich in die Linse.
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