Wir befinden uns im „Floraland“, einem Analogum zu unserem „Europapark“, das sich mit dem Maus-Maskottchen und dem geschwungenen D (echte Kunst kreativen Kopierens, aus dem chinesischen Zeichen visuell ein D hervorzuheben) gefährlich stark an amerikanischen Vergnügungsparks orientiert. Wie auch in unseren Breitengraden ist der Park schön gepützelt und gepflegt und aus den Lautsprechern schallt lupfige Musik. Natürlich macht die Sauberkeit vor den WC-Anlagen halt, diese sind auch hier relativ schmutzig – ein Wort, das in China sowieso eine andere Bedeutung einnimmt. Der Waschraum ist jedoch recht sauber und in grossen chinesischen Zeichen prangt ein Schild über den Waschbecken „Bitte denken sie an H1N1 und waschen Sie sich die Hände mit Seife“. Ich starre das Schild lange an, weil ich die Zeichen natürlich nur langsam entziffern kann und wasche mir währenddessen ausführlich die Hände. Dasselbe tun die anderen Frauen, welche die Schriftzeichen nicht minder interessiert angestarrt haben. Das hindert aber die ältere Dame, welche sich auch überdurchschnittlich lange eingeseift hat, nicht daran, mir kurz darauf wenige Zentimeter neben meine Füsse zu spucken. Müsste man das Schild nicht noch einmal überdenken? In einem Land, wo man sich aus kulturellen Gründen nie die sauberen Hände schütteln wird, dafür alle paar Minuten dem Risiko einer bakterienreichen Dusche der ganz besonderen
Art ausgesetzt ist?!
Wir waren letzte Woche etwas geknickt darüber, dass wir nicht von den freien Tagen profitieren konnten, die unsere „Auffahrt“ so mit sich bringt. Dafür kommen wir nächste Woche in den Genuss des chinesischen Drachenbootfestes. Leider sind Feiertage hier weniger reizvoll als in der Schweiz, weil ein schulfreier Tag immer bedeutet, dass man irgendwelche Stunden vor- oder nachholen muss. In diesem Falle hat die Schulleitung beschlossen, dass wir am Donnerstag „Drachenboot“ feiern, den Sonntag auf den Freitag verlegen und dafür am Sonntag den Montag vorholen müssen. Der langen Rede kurzer Sinn: wir kriegen den Freitag frei, müssen dafür aber am Sonntag arbeiten. Toll, solche Feiertage! Trotzdem bedeutet das für unsere Studenten ein 3-tägiges Wochenende und somit bietet sich für viele die Möglichkeit, zurück zu Mami und Papi zu fahren, wo „der Reis besser, der Himmel blauer und die Mädchen schöner sind“ (mehrfach gehörtes Zitat unserer Studenten). Allerdings hat sich mit der Schweinegrippe eine dunkle Wolke über das diesjährige Fest gelegt: In der zwei Autostunden entfernten Millionenstadt Chengdu befindet sich seit mehreren Tagen ein Verdachtsfall der Schweinegrippe unter Quarantäne. Ganz Sichuan ist in eine regelrechte H1N1-Hysterie verfallen und von unseren 9‘000 Studenten traut sich nur ein Bruchteil nach Hause, weil man „in diesen gefährlichen Zeiten nicht reisen sollte“. Wir können das kaum glauben und spekulieren, dass wohl einige die Feiertage lieber mit ihrer jungen Liebe auf dem Campus als mit der langweiligen Tante „Hua“ und ihren Reisdumplings verbringen wollen.
Wie falsch unsere Vermutungen sind, zeigt sich in der nächsten Erfahrung: ich besteige routiniert ein Taxi und will damit nach Hause fahren. Der Fahrer ist äusserst besorgt über meinen Entschluss mit ihm zu fahren und teilt seine Gedanken auch gleich mit meiner chinesischen Begleitung. Meine Studentin übersetzt mir: „Der Fahrer hat Angst, weil Du aus dem Ausland kommst. Er fürchtet sich vor H1N1.“ Ich verkneife mir ein Lachen und darauf auch den aufkommenden Hustenreiz – ich will ja diesen Mann nicht noch zusätzlich verunsichern.
24. Mai 2009
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