Seit knapp zehn Monaten unterrichten wir nun am TianFu College 19 bis 23-jährige Studenten. Wie auch schon beschrieben liegen chinesische Jugendliche (zumindest hier in der Hinterlandprovinz) in ihrer Entwicklung geschätzte fünf Jahre hinter einem durchschnittlichen Schweizer Teenager zurück: Ein „Mädchen“, welches ein Bier trinkt ist schon ein ziemlich verruchtes Geschöpf, ein Junge, welcher dem Lehrer widerspricht, ein kleiner Revolutionär und das Wort „Party“ übersetzt man ins Schweizerdeutsche wohl am passendesten mit „Klassäfeez“. Daran haben wir uns nach zehn Monaten einigermassen gewöhnt, doch die „Kinderschar“ überrascht uns doch immer wieder aufs Neue!
Kürzlich war während der zweistündigen Mittagspause (Essenszeiten und ein Mittagsschläfchen sind den meisten Chinesen heilig, da muss man von niemandem nix wollen) ein ziemliches Tohuwabohu auf dem Campus. Es ist grosser Spieletag: Die ganze Palette an Herausforderungen wird da von verschiedenen Studentenorganisationen angeboten: Beim TaiChi-Verein benötigt man ein ruhiges Händchen um mit dem an einer Angelrute befestigten Räucherstäbchen ein Zündhölzli anzuzünden. Ein grosses Lungenvolumen ist hilfreich als Mitglied der Outdoor-Gruppe und daher wird hier „Kerzen auspusten“ angeboten. Wer das Himmel-und-Hölle-Partner-Hüpf-Wettrennen organisiert wissen wir nicht, aber es macht allen grausam Spass. Die gefitzten Kalligraphiefreunde haben aus einem Besenstiel einen Riesenpinsel gebastelt, mit welchem nun chinesische Zeichen auf die Leinwand geschmiert werden sollen, während nebenan eine total lässige Tschuttistafette in vollem Gange ist. Des weiteren kann man mit Dartpfeilen auf Ballone schiessen, Pingpongbälle ins Wasserbad schmeissen, unglaublich triviale, englische Kreuzworträtsel lösen und Papierflieger falten. Für jede erfolgreich absolvierte Disziplin kriegen die Studenten Bons, welche sie letztendlich gegen Lippenpomade, Mausmatten und Schlüsselanhänger eintauschen können.
Engagiert man sich als Student nun also regelmässig für solch lässige Aktionen, so sammelt man fleissig „Credits“. Diese sind für die Verteilung von Stipendien - in beträchtlicher Höhe – ebenso wichtig wie die Noten in Management oder Englisch. Wär doch auch was für die Uni Zürich, wenn man im ASVZ-Superkondi eine mässige Note für die „Werther-Arbeit“ oder einen schlechten Eindruck im „Astrophysik-Proseminar“ kompensieren könnte?!
13. Juni 2009
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