Da wir in unserer grosszügig bemessenen Freizeit hier und da mal ein paar Minütchen für das Lernen der Chinesischen Sprache aufwenden, fragen uns viele Freunde in regelmässigen Abständen wie fortgeschritten denn unsere Sprachkenntnisse nun bereits seien und was wir schon so alles sagen könnten. Eines sei Euch versichert: wir sagen manchmal mehr als wir eigentlich beabsichtigen. Wörter, welche eigentlich noch gar nicht in unser Vokabular gehören, kommen über unsere Lippen und verunsichern immer wieder unser Gegenüber. Zum Beispiel haben wir kürzlich in einer Papeterie den „Küchenchef“ verlangt, obwohl wir eigentlich nur eine banale „Kerze“ haben wollten. Für solche Missgeschicke ist die Sprache prädestiniert, da eine extreme Armut an Lauten herrscht und die ca. 300 Silben allesamt recht ähnlich klingen. Für ein geübtes Ohr sind jedoch 1200 verschiedene Klänge unterscheidbar, denn jede Silbe kann in einem der vier unterschiedlichen Töne ausgesprochen werden. Ja, hat denn diese Vorliebe für Töne die Vorliebe für Musik gefördert? Oder umgekehrt? Man kann das Huhn-Ei-Dilemma betrachten wie man will, aber eines ist sicher: wir, als nicht geübte Karaokesinger, haben unsere liebe Mühe mit den verschiedenen Tönen. Falsch betont wird die Mutter schnell mal zum Pferd, das Schwein zur Bambussprosse und der Esel zum Gesetz! Oder es passiert, dass wir uns am Bahnschalter nach einer Abfahrtzeit erkundigen mit der Frage „um welche Zeit?“ und erhalten zur Antwort ebenfalls „um welche Zeit?“. Wir fragen nochmals und hören unsere Frage erneut wiederholt. Darauf folgt ein lästiges Hin und Her, bis man herausfindet, dass einem die ernst dreinblickende Frau am Schalter nicht einfach nachäffen will, sondern das „tschi diän?“ welches wir ihr an den Kopf werfen sich unmerklich von dem „thschi diän“ unterscheidet, welches man zur Antwort erhält. Weil die gestrenge Beamtin den Zischlaut etwas behauchter ausspricht und dabei die Stimme weniger senkt als wir, wird die Antwort bei genauerem Hinhören zu einem „um sieben Uhr“. Abgesehen von diesen Erschwernissen sind wir der Meinung, dass Chinesisch eine Sprache ist, die man ohne weiteres wie jede andere Sprache lernen kann. Die Grammatik ist sogar äusserst dankbar. Was geht es denn das Verb an, wenn das Subjekt sich ändert oder die Geschichte plötzlich in der Vergangenheit spielt? Die Tätigkeit bleibt ja schliesslich dieselbe. Lassen wir doch das arme Verb in Frieden und beugen es nicht in alle Richtungen! Allerdings sind fast alle 1.3 Milliarden Chinesen der Meinung, dass jemand der Brot und Käse isst und nicht über eine Mongolenfalte verfügt, diese Sprache nie erlernen wird. Deshalb fragen unsere Studenten auch nach einem halben Jahr noch, ob wir denn bereits fähig wären, ihnen die Wörtchen „Hallo“ und „Danke“ nachzusagen. Hallo? Danke! Trotz unseres Efforts wird unserem Chinesisch aber unweigerlich immer ein starker Akzent anhaften und unsere Betonung wird wohl nie die chinesische Perfektion erreichen. Dafür können wir jederzeit mit einem geschickt platzierten chinesischen Ausdruck die ungeteilte Aufmerksamkeit der ganzen Klasse erlangen und ein lautes Gelächter auslösen.
Nun wollen wir an dieser Stelle noch ein altes Klischee aus dem Weg räumen: Die Chinesische Sprache verfügt sowohl über ein L wie auch über einen Laut, der dem englischen R nicht ganz unähnlich ist. Es ist also durchaus nicht üblich, dass Chinesen dauernd das L und das R verwechseln, wie wir in unseren Breitengraden doch anzunehmen pflegen. Wer kennt ihn nicht, den Witz? Ein Chinese ruft die SBB an und sagt: „Achtung, auf dem Bahndamm liegt ein Gleis." Der Troubleshooter der SBB nimmt die Information gelassen: „Das ist doch normal, da liegt doch immer ein Gleis." Kurz darauf ruft der Chinese erneut an: "Jetzt ist del alme alte Mann tot!" - Eine für den Sichuanesen viel grösse Verwechslunggefahr bietet der für ihn geringe Unterschied zwischen N und L. Für viele tönen die zwei Buchstaben gleich und sind somit auch beliebig substituierbar (sowohl im Englischen wie auch im Chinesischen). Sowieso dezimiert sich die Anzahl chinesischer Silben in Sichuan stark. Nachdem wir in Haikou mit unserer Lehrerin stundenlang die Aussprache unterschiedlicher Zischlaute (ds, ts, dhs, ths, dsch, tsch, dhsch, thsch…) geübt haben und dabei oft kläglich gescheitert sind, müssen wir nun feststellen, dass dieses Wissen in Sichuan keinen Mehrwert bietet, weil sich hier nämlich alle Zischlaute auf ein simples „ts“ hinunterbrechen lassen. Naja, weniger Silben bedeuten ja auch, dass wir weniger verschiedene Worte lernen müssen und ungefähr mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:600 die richtige Silbe erwischen. Leider bedeutet es auch, dass alles Gesprochene noch viel uneindeutiger wird als es für uns bereits schon ist und das bestellte Süss-und-Sauer-Schwein (tsu rou) kann ohne Weiteres zur eingelegten Lotuswurzel (tsu ou) werden. Aber wenn schon die Sprache nicht immer ganz eindeutig ist, so ist es wenigstens die Schrift. Jedes Wort (auch wenn vollkommen gleich ausgesprochen) hat ein anderes Zeichen - sehr zu unserem Leidwesen. Wir haben mittlerweile die Zeichen aber ganz lieb gewonnen und können ein paar wenige davon entziffern, auch wenn wir dabei wie nervöse Erstklässler am Elternbesuchsmorgen stottern, stocken und Hilfe suchend im Raum umher gucken. Zudem hat das Zeichenraten auch einen gewissen Unterhaltungwert. Wieso die Rätselseite einer Zeitschrift aufschlagen, wenn man schon beim Chinesisch büffeln „Finde die zehn Unterschiede“ spielen kann? (Vergleiche 右 und 石 oder 我 und 钱)
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