11. März 2009

Krankhaft gesund

Haarfeine Nädelchen, rund um die Augen tief in die Haut gestochen, halsbrecherische Massagemethoden und zermalmte Seepferdchen in homöopathischen Dosen verabreicht; dies alles sind jahrtausende alte Ansätze der chinesischen Medizin, um den Körper gesund und fit zu halten. Damit der Mensch mit seiner Umgebung in Harmonie leben kann, werden Lebensräume nach dem FengShui-Prinzip errichtet und so sieht man auch in MianYang einige Häuser mit riesigen Durchbrüchen, sodass der in der Nähe wohnende Drache ungehindert hindurchfliegen kann. Auch die jüngeren Generationen, sprich unsere Studenten, sind mit diesen überlieferten Weisheiten wohl vertraut und kennen einige Philosophien und Tricks, wie man gesund durch den Winter kommt. Sehr verbreitet ist das Wissen um die daoistischen Lehre, nach welcher Nahrungsmittel dem Yin (Schatten) und Yang (Sonne) zugeteilt werden und demzufolge eher wärmende oder kühlende Effekte haben. Um einer Erkältung vorzubeugen, soll man gemäss unseren Schülern in der kalten Jahreszeit eher Hundefleisch und Tauben essen, von Schweinefleisch und Fröschen jedoch absehen. Auch von Orangen soll man im Winter die Finger lassen, denn die Vitamin-C-Bomben entziehen dem Körper nur Wärme. Solche Gedankenansätze der alten chinesischen Kultur werden dann noch mit einer Prise lokalen Aberglaubens und persönlichen Präferenzen angereichert und so sind unsere Studenten der Meinung, dass geheizte Räume im Winter gefährlich seien, wegen dem grossen Temperaturunterschied zur Aussenwelt und dass man jederzeit frische Luft (inklusive Feinstaub) atmen sollte. Aus diesem Grund sind in Sichuan auch bei 0 Grad im Winter alle Fenster geöffnet, was speziell beim Busfahren extrem unangenehm werden kann.














Trotz all dem beschriebenen Vorbeugungsaufwand und dem Verzehr von Hunderagout mit frittierten Tauben, kann es passieren, dass sich ein Student in der eisigen Zugluft erkältet, was ein grosses Desaster ist, denn beim Chinesen steht nebst dem Essen seine Gesundheit ganz oben auf der Prioritätenliste. (Das kommt auch mit der Sprache zum Ausdruck, denn anstelle von „hallo“, kann man sich in China druchaus auch mit dem Gruss „Heute schon gegessen?“ oder „Bist du gesund?“ begrüssen.) Hat sich also ein Student erkältet, so wird er gleich das Unausweichliche tun: er begibt sich ins Spital, wo er an drei aufeinanderfolgenden Tagen verarztet wird. Damit ist allerdings nicht die Verschreibung eines Kräutertees oder die Applikation einer wärmenden Tigerbalsamsalbe gemeint, nein, jetzt gilt es richtig ernst und man greift auf die handfesteren Heilmethoden entwickelter Industrienationen zurück: Intravenös wird an drei Tagen je eine Dosis Antibiotika verabreicht.
Auch wir haben uns in chinesischen Bussen und in unterkühlten Klassenzimmern erkältet und mussten mit laufender Nase, kratzendem Hals und Husten unterrichten. Während wir in der Schweiz wohl einfach zu Hause geblieben wären, mussten wir auf die Zähne beissen, denn in unserem Arbeitsvertrag steht, dass man nur mit einem Arztzeugnis fehlen darf (und die soeben beschriebene Antibiotikakur wollen wir um jeden Preis vermeiden) und danach alle verpassten Schulstunden „at a convenient time“ nachholen muss. Nachdem wir also mit triefender Nase und rauchiger Stimme stundenlang doziert haben, fragten uns Studenten besorgt, was wir denn gegen die Krankheit unternehmen würden. Unsere Antwort, dass wir viel Tee trinken, dicke Socken tragen und früh ins Bett gehen würden, hat aber nichts als Unverständnis und Staunen hervorgebracht: „You really think that your body can handle that cold itself? I’ve never heard that theory before!“

So handzahm und aufmerksam unsere Studenten auch sind, so gibt es auch hier ab und zu einen Schüler, der den Tag lieber im Bett als im Klassenzimmer verbringt. Wir erhalten alle paar Tage wieder ein Brieflein wie das folgende: „I enjoy your class very much. But I’m very sorry that I will miss this class. Because I’m ill, requiring hospitalization. I really feel very sorry. I will study this lesson from your PPT. And askting classmates. Sorry again. I hope you’ll accept my sincere appology.“ Etwas für uns aber total Neues war die Tatsache, dass auch Muskelkater als ernstzunehmendes Krankheitsbild zu betrachten ist und somit eine Abwesenheit rechtfertigt: „Dear teacher. Yesterday I had my PE (Physical Education) class. We had to play football. I was very motivated and I run for about one hour with a lot of effort. Today I have so muscle ache that I can not move. I only want to lie in my bed. I can not sit and walk. I think I should stay at home today.“

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