Nach einer 50-stündigen Zugfahrt – wir teilen das Abteil mit einem besonders verhaltensoriginellen Jungen, welcher permanent als Flugzeug durch den Gang rennt und dabei entsprechend ohrenbetäubende Geräusche von sich gibt - erreichen wir schliesslich Urumuqi, die am weitesten vom Meer entfernte Grossstadt der Welt. Bevor wir aussteigen, kriegt Andrea von der Mutter des kleinen Rackers noch ein echtes Goldarmband mit Bernsteinbesatz geschenkt, wohl als Schmerzensgeld für unsere geplagten Ohren.
Am nächsten Morgen machen wir uns gleich auf ins PSB (Public Security Bureau), wo wir unsere in Kürze auslaufende Aufenthaltsgenehmigung in ein Touristenvisum umwandeln wollen. Dies, so hat uns der Polizeichef in Mianyang mehrfach versichert, sei auch im wilden Westen Chinas absolut kein Problem. Erwartungsvoll und einigermassen zuversichtlich treten wir also an den Schalter. Knappe zehn Sekunden später, haben sich unsere Reisepläne fürs erste in Luft aufgelöst! Die miesepetrige Polizistin bedarf eines einzigen gelangweilten Blickes auf unsere Pässe, um uns die Antwort zu geben, die wir niemals hören wollten: „MEI YOU.“ - Nun sollten wir an dieser Stelle wohl kurz diese einzigartige chinesische Phrase klären. „Mei you“ heisst wörtlich übersetzt „Nicht haben“, kann aber je nach Verwendung eine Vielzahl von Bedeutungen tragen: Von „Geht nicht“ über „Weiss nicht“, „Keine Zeit“, „Keine Lust“, „Heute nicht, vielleicht morgen“ bis hin zu „Schert euch zum Teufel“. Nach einem Jahr China wissen wir jedoch, dass mit sanftem Druck und beharrlichem Nachhaken trotz anfänglichem „Mei you“ häufig doch noch ein Weg zum Ziel führt. Heute hilft aber leider alles Betteln und Stürmen nichts. Die chinesische Bürokratie hat uns auf dem falschen Fuss erwischt; ein Telefonat mit der Schweizer Botschaft in Peking bestätigt die düstere Vorahnung: Wir müssen ausreisen - und zwar bald!
Es bleiben uns gerade mal fünf Tage um Xinjiang, mit 1.6 Millionen Quadratkilometern (bei gerade einmal 16 Millionen Einwohnern) die grösste aller Provinzen, zu beschnuppern. Urumuqi sieht aus wie die meisten ungesund rasant wachsenden Städte in diesem Land: Verkehrsstrom ohne Ende, im Eiltempo hingeklotzte Hochhäuser, welche jeglicher architektonischer Ästhetik entbehren, sowie an jeder zweiten Strassenkreuzung die unvermeidlichen Boten westlicher Fastfood-Kultur. Die Mehrheit der Schweizer hat wohl im Juli dieses Jahres zum ersten Mal überhaupt von dieser westchinesischen Grossstadt gehört, als die Ausschreitungen und Kämpfe zwischen Hanchinesen und der muslimisch-uigurischen Minderheit fast 200 Tote forderten. Xinjiang mit seinen acht Millionen Uiguren stellt für die Zentralregierung ein wahrhaftiges Pulverfass dar, von dessen Lunte sie den Funken mit allen Mitteln fernzuhalten versuchen. Die Stadt gleicht denn auch einer Festung: An jeder grösseren Kreuzung und vor sämtlichen staatlichen Gebäuden stehen bis an die Zähne bewaffnete Soldaten und in den durch Han besiedelten Stadtteilen patrouillieren zusätzlich Bürgerwehrkommandos. Bewaffnet mit Schlagstöcken und roten Bändern am Oberarm erinnern sie ein wenig an die Roten Garden zu Maos Zeiten. Trotz allem ist es uns möglich, das muslimische Ghetto zu besuchen, wo sich zu dieser Zeit kein Chinese ohne massiven Polizeischutz hintrauen würde. Die verwinkelten Gassen werden gesäumt von Moscheen und Fladenbrotständen, Männer mit Spitzbärten schieben Karren voller dampfender Schafsköpfe und Eingeweide durch den Basar, aus vollgestopften Plattenläden dröhnt scheppernde Bauchtanzmusik und alle zwanzig Meter preisen Wassermelonenverkäufer stimmgewaltig ihre Ware an.
Vier Tage später steigen wir in den Nachtzug Richtung Almaty. Da seien zwar das Essen und die Hotels wahnsinnig teuer, meint unsere Beraterin von der Botschaft, dafür gäbe es meist keine Probleme mit der Beantragung eines chinesischen Touristenvisums. Schwierigkeiten gibt es dafür bei der Ausreise aus China: Mitten im Ödland Zentralasiens stehen wir sechs Stunden an der chinesisch-kasachischen Grenze; gerade einmal zwei Züge pro Tag erlauben es den Zollbeamten, ihrer Aufgabe wirklich gründlich nachzukommen. Als wir unsere Rucksäcke öffnen, pickt sich die Dame in Uniform sogleich unseren Reiseführer heraus und will wissen:
„Does this book cover all the provinces of China?“
„Sure, it does.“
„Really?! But I can’t find a chapter about Taiwan.“
„Ahmm, well... that’s because...“
„And your map: Taiwan has not the same colour as mainland China.“
„Oh! No problem. Let me just rip it out and throw it away.“
„No! This book is against Chinese law! I’ll have to keep it.“
Dank Aufbietung unserer geballten Überzeugungskraft gelingt es uns letztendlich doch noch, die pflichtbewusste Dame zu überzeugen und unseren treuen Begleiter aus den Fängen der chinesischen Polizei zu befreien.
Ausflug zum Himmelssee mit Besteigung
des 4000 Meter hohen "Pferdezahns"
und Übernachtung in einer kasachischen Jurte

des 4000 Meter hohen "Pferdezahns"
und Übernachtung in einer kasachischen Jurte
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